Urlaubstrend Blind Booking : Selbstbestimmung als Zumutung

Immer mehr Touristen buchen Überraschungsreisen. Wollen wir jetzt auch noch unseren Urlaub aus der Hand geben? Ein Kommentar.

Urlauber am Strand der Mittelmeerinsel Mallorca.
Urlauber am Strand der Mittelmeerinsel Mallorca.Foto: Julian Stratenschulte/dpa


Blindheit liegt im Trend - ob Flirten beim Blind Date oder Schlemmen beim Blind Dinner. Die neueste Innovation der Reiseveranstalter ist das Blind Booking. Das Prinzip ist schnell erklärt: Der Kunde bucht einen Flug, ein Hotel oder gar eine komplette Reise – ohne dass er weiß, wohin es geht. Immerhin kann er noch selbst entscheiden, wann er von seiner Destination erfährt: Direkt nach der Buchung oder erst am Flughafen. Nächstes Jahr soll von Southampton gar die erste Kreuzfahrt ohne vorab bekannte Route in See stechen. Die Reiseziele werden an Bord von Tag zu Tag enthüllt. Am Ende sitzt man in der Karibik oder der Antarktis. Hauptsache Überraschung.

Nach einer Umfrage eines Reiseportals sind 10 Prozent aller Deutschen für solche Reiseformen offen. Aber der Trend geht weit über das Reisen hinaus: Immerhin 12,6 Prozent der Deutschen haben sich vor gut zwei Wochen für die politische Variante des Blind Bookings entschieden und gaben ihre Stimme der AfD. Europaweit sind Rechtspopulisten auf dem Vormarsch. Gebucht von Wählern, denen oft gleichgültig scheint, wohin die Reise geht. Ob Brexit oder Trump: Zunehmend verbindet sich ein geringes Maß an Weitsicht mit der Sehnsucht nach Autorität, einfachen Antworten und einem Minimum an Verantwortung.

Spontanität als Geschäftsmodell

Der moderne Mensch scheint die Selbstbestimmtheit als Last zu empfinden. Von der Autorität erwartet er Schutz vor den Unwägbarkeiten des Alltags. Die konkrete Ausgestaltung seiner Lebenswirklichkeit möchte er aber lieber abtreten. Sind wir mittlerweile soweit, dass wir selbst die Entscheidung über eines der letzten Residuen der individuellen Selbstbestimmung, unseren Urlaub, abgeben wollen? Perfider Weise wird das Blind Booking als individuelles Abenteuer verkauft. Dabei stellt es nichts anderes dar, als die Verlängerung der Anforderung des modernen Arbeitslebens in die Freizeit. Flexibilisierung und Austauschbarkeit heißen die Schlagworte.

Gleichzeitig bedient es die Sehnsucht nach dem Ausbruch aus der berechenbaren Lebenswelt. Wo die freie Entfaltung der individuellen Möglichkeiten vielfach nicht möglich ist, wird die Spontanität ein gutes Geschäftsmodell. Und für die Touristikbranche eine willkommene Resteverwertung. Bleibt noch eine Frage offen: Wann kommt das Blind Shopping? Im Schlussverkauf mit verbundenen Augen vor dem Wühltisch - was wäre das für ein Abenteuer.

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