Politik : Urteilsverkündung im Fall Chodorkowski verschoben

Moskau - Sie alle waren umsonst gekommen. Neben russischen Bürgerrechtlern und Journalisten sowie in Moskau akkreditierten Auslandskorrespondenten hatten sich am Mittwoch auch Dutzende westliche Politiker wie etwa die Grünen-Bundestagsabgeordnete Marieluise Beck auf den Weg zum Chamowniki-Gericht gemacht. Dort wollte Richter Viktor Danilkin mit der Verkündung des Urteils gegen Michail Chodorkowski, den ehemaligen Chef des Ölgiganten Jukos, und dessen Juniorpartner Platon Lebedew beginnen. Doch an der Eingangstür hing ein A4-Blatt mit dem Hinweis, dass die Verlesung erst am 27. Dezember beginnt. Eine Begründung für die Vertagung verweigerten sowohl Danilkin als auch die Sprecherin des Gerichts.

Optimisten – dazu zählt auch Konstantin Rifkin, einer der Anwälte Lebedews – erklären die Verschiebung, auf die noch am Vortag nichts hindeutete, mit wachsendem Druck auf Kreml und Regierung. Offiziell wird den Angeklagten Diebstahl von Rohöl und Geldwäsche vorgeworfen. Kritische Beobachter vermuten politische Motive. Chodorkowski hatte die Opposition unterstützt. Westliche Staatschefs hatten seinen Fall zum Lackmustest für Rechtsstaatlichkeit erklärt, Jerzy Buzek, der Präsident des Europäischen Parlaments, forderte zu Wochenbeginn erneut einen Freispruch. Zeitgleich verfasste die russische Rocker-Prominenz, die bisher nicht durch politisches Engagement auffiel, einen offenen Brief an Präsident Dmitri Medwedew, in dem es heißt, Angeklagte zweimal für das gleiche Vergehen zu verurteilen, sei „nicht ganz okay“.

Die Beweislage sei erbärmlich, „die politische Willensbildung“ noch nicht beendet, glaubt auch Chodorkowskis Anwältin Jelena Lukjanowa. Sie schloss in einem Interview für Radio Liberty weitere Verzögerungen nicht aus. Swetlana Sorokina, die in Ungnade gefallene einstige Top-Moderatorin des russischen Staatsfernsehens, dagegen erklärt die Verzögerung mit der Weihnachtspause im Westen. Das könnte in der Tat so sein. Die meisten Auslandskorrespondenten fahren zwischen den Jahren nach Hause. Der Aufschrei der Empörung und damit der Imageschaden für Moskau könnten dann geringer ausfallen. Zumal Russland am 31. Dezember für zehn Tage kollektiv in die Neujahrsferien geht. Und wenn die Nation wieder aus dem Koma erwacht, so offenbar das Kalkül, ist die Medienkarawane längst weitergezogen. win

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