Es soll keinen diplomatischen Eklat geben

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US-Abschreckung gegen Russland : Die "Dolch-Brigade" lernt Polen kennen
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Auf der "Presidential Range" bei Swietoszow üben Teile der Brigade einen Angriff mit Panzern.
Auf der "Presidential Range" bei Swietoszow üben Teile der Brigade einen Angriff mit Panzern.Foto: Sebastian Leber

Montagnachmittag im Rathaus von Zagan. Bürgermeister Slawomir Kowal lädt zu einer Pressekonferenz, um den positiven Einfluss der Soldaten auf seine Stadt zu loben. Wegen der Gäste aus Übersee hätten neue Restaurants eröffnet, sagt er. Einige Soldaten der jetzt abreisenden Brigade hätten an Schulen beim Englischlernen geholfen. Andere hätten auf dem Marktplatz kleine Geschenke an Kinder verteilt. Slawomir Kowal lässt keinen Zweifel daran, dass die US-Truppen das Beste sind, was seiner Gemeinde passieren konnte.

Wer durch die Innenstadt von Zagan spaziert und Einheimische fragt, wie sich die US-Soldaten bisher benommen haben, bekommt eine einhellige Antwort: Extrem höflich sind sie. Angenehm, unauffällig und zuvorkommend. Nie laut oder sonst wie störend. Einziges Manko: Die US-Soldaten gelten als schlechte Autofahrer. Tatsächlich gab es schon mehrere Unfälle. Manche sagen, die Amerikaner seien die miserablen Zustände hiesiger Straßen nicht gewöhnt. Andere sagen, die Amerikaner könnten es einfach nicht. Diese Woche erst hat die Lokalzeitung wieder das Foto eines umgekippten Truppentransporters auf der Titelseite. Als Unfallursache wird „exzessive Geschwindigkeitüberschreitung“ vermutet.

Mit dem Komplettaustausch der Brigade nach neun Monaten soll auch ein diplomatischer Eklat vermieden werden. Bevor die Nato 1997 erstmals Beitrittsverhandlungen mit Staaten des einstigen Warschauer Pakts aufnahm, verständigte sie sich mit Russland auf Absichtserklärungen, um gegenseitiges Vertrauen zu schaffen. Die Nato versprach etwa, sie werde eher keine „zusätzlichen substanziellen Kampftruppen dauerhaft stationieren“. Da die nun hergebrachten 3300 Mann nach einem Dreivierteljahr ausgetauscht werden, sei die Stationierung ja nicht dauerhaft, argumentiert die US-Seite.

Russland hält das für Wortklauberei. Wladimir Putin ließ bereits im Januar verkünden, man betrachte die Operation als Bedrohung der eigenen Sicherheit und Interessen. Polen dagegen wünscht sich seit Langem eine permanente Stationierung von US-Truppen. Auf die Abmachungen von 1997 solle Amerika keine Rücksicht nehmen. Nach der Annexion der Krim würden diese sowieso nicht mehr gelten.

"Fast wie in Oregon"

Am Rand der Fußgängerzone von Zagan stehen sechs junge US-Soldaten in Zivil vorm Geldautomaten und ziehen sich ihre ersten Zlotys. Jeder erst mal 200, das sind 55 Dollar. Einer sagt, die Gegend erinnere ihn an Oregon. So viele Bäume überall. Die nächsten neun Monate möchte er nutzen, um möglichst viel polnische Kultur und Geschichte kennenzulernen. Ein anderer sagt, er möchte lieber eine polnische Freundin. Dann werden sie hektisch und drücken ihre Zigaretten aus. Da hinten nähert sich eine Frau mit Kinderwagen. Das Baby soll keinen Rauch abkriegen, sagen sie.

Die Idee der Brigaden-Entsendung ist noch unter Barack Obama ausgearbeitet worden. Nach dem Wahlsieg von Donald Trump hatten osteuropäische Nato-Partner Sorge, die USA könnten die Operation abblasen. Schließlich hatte Trump die Nato immer wieder als veraltet und zu kostspielig bezeichnet, mehrfach als „obsolet“. Diese Zweifel sind verflogen. Im Mai erklärte er, dass er die „European Reassurance Initiative“, die auch die Brigade-Verlegung beinhaltet, ausbauen will. Kommendes Jahr möchte Trump 4,8 Milliarden Dollar dafür bereitstellen, das entspricht einem Zuschlag von 1,4 Milliarden gegenüber 2017.

Bürokratische Hürden stören

Einigkeit herrscht deswegen aber noch lange nicht unter den Nato-Partnern. Die US-Seite wünscht sich mehr Bewegungsfreiheit und weniger bürokratische Hürden, um Ausrüstung von einem Land ins nächste zu transportieren. In Zagan heißt es, ein „militärischer Schengenraum“ sei sinnvoll.

Die Realität sieht derzeit anders aus. Schon bei einfachen Hubschrauberflügen müssen oft Zwischenstopps zur Zollabfertigung eingelegt werden. In Rumänien wurde der Angestellte des Provinzbahnhofs in Pielesti berühmt. Er hinderte einen US-Konvoi mit militärischem Gerät stundenlang an der Weiterreise, weil ihm ein Formular fehlte. Das gab Ärger vom Vorgesetzten, doch der Mann blieb sich treu. Auf der Rückfahrt hielt er den Konvoi erneut auf.

Korrektur: In einer früheren Version des Artikels wurde Captain Terry Battison fälschlicherweise der Rang eines Sergeants zugeschrieben.

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