Weitere Reaktionen aus der muslimischen Welt

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Update
US-Botschaft in Jerusalem : Palästinenser rufen Generalstreik aus
Geliebt und umkämpft. Der Streit um den Status Jerusalems droht nach Trumps Absichtserklärung zu eskalieren.
Geliebt und umkämpft. Der Streit um den Status Jerusalems droht nach Trumps Absichtserklärung zu eskalieren.Foto: Ronen Zvulun/Reuters

Es kommt nicht eben häufig vor, dass sich die muslimisch-arabische Welt einig ist. Doch Donald Trump hat es geschafft, ihr zu ungewohnter Geschlossenheit zu verhelfen, zumindest vorerst. Seine Entscheidung, Jerusalem als Hauptstadt Israels anzuerkennen, empört alle gleichermaßen. Sogar regionale Erzrivalen wie der Iran und Saudi-Arabien scheinen bei diesem Thema an einem Strang zu ziehen. Es mangelt denn auch nicht an Warnungen in Richtung Washington.

Und der Tenor ist immer der gleiche: Hände weg von der heiligen Stadt! Anderenfalls stehe die Sicherheit und Stabilität in der Region auf dem Spiel. Muslime in aller Welt könnten auf die Provokation – „ein gefährlicher Schritt“ – mit Gewalt reagieren. Irans Präsident Hassan Ruhani etwa forderte explizit, Muslime sollten gemeinsam „gegen diese große Verschwörung stehen“. Sein Land werde einen Angriff auf die „islamischen Heiligtümer nicht hinnehmen“.

Manche sprechen von einer "Kriegserklärung"

Noch härter gehen die Palästinenser mit Trumps Plan ins Gericht. Von einer „Kriegserklärung“ ist die Rede, von einem „Gewaltakt“ und dem endgültigen Aus für den Friedensprozess. Die radikalislamische Hamas, die de facto den Gazastreifen kontrolliert, rief die Palästinenser zum Aufstand auf.

Die Unruhe in der arabisch-muslimischen Welt kommt einem recht gelegen: Recep Tayyip Erdogan nutzt offenbar die Gunst der Stunde. Das Licht war im Oval Office noch gar nicht angeknipst, da preschte ein Sprecher des türkischen Präsidenten schon mit einer Ankündigung voran: Ankara lädt die 56 Staaten der Organisation für Islamische Zusammenarbeit bereits nächste Woche zu einem Sondergipfel ein. Erdogan hatte schon zuvor seine Haltung unmissverständlich klargemacht: „Herr Trump, Jerusalem ist die rote Linie für Muslime!“, rief er in seiner wöchentlichen Rede vor den Parlamentsabgeordneten der konservativ-islamischen AKP.

Diese Krise kommt Erdogan zupass

Schnell ist Erdogans Drohung von der „roten Linie“ zum neuen Logo in den türkischen Nachrichtensendern geworden – eine Kampfansage an den US-Präsidenten und den Westen, in roter Schrift vor der Silhouette des Tempelbergs. Doch auch die Opposition steht nicht zurück in ihrer Kritik an den USA. In Nahost werde einem Krieg der Boden bereitet, stellte Engin Özkoç fest, der Fraktionschef der sozialdemokratischen CHP.

Die Krise um die Jerusalem-Anerkennung kommt Erdogan zupass. Seit Tagen muss sich der autoritär regierende Staatschef mit kompromittierenden Aussagen in einem Prozess in New York über Schmiergeldzahlungen an Regierungsmitglieder und den Bruch von Iran-Sanktionen der USA plagen. Bankanweisungen, die der türkische Oppositionsführer der Öffentlichkeit präsentierte, brachten Erdogan außerdem in Erklärungsnot.

Die arabische Welt ist keineswegs geeint

Nun bescherte ihm Trump einen politischen Themenwechsel. Die Türken fühlen sich an den denkwürdigen Moment 2009 beim Weltwirtschaftsforum in Davos erinnert. Damals verließ Erdogan wütend eine Diskussionsrunde mit dem damaligen israelischen Präsidenten Shimon Peres. Der hitzige türkische Politiker wurde so zum Liebling der „arabischen Straße“. Erdogan verlor jedoch seine Strahlkraft mit dem Krieg in Syrien und dem Sturz der Islamisten in Ägypten. Gaza besuchte er – anders als angekündigt – nie. Das könnte sich jetzt ändern.

Doch bei aller demonstrativen Solidarität: Selbst die arabische Welt scheint keineswegs hundertprozentig hinter den Palästinensern zu stehen. Seit Tagen halten sich hartnäckig Gerüchte, dass Saudi-Arabien einen Friedensplan vorbereite, den die Palästinenser als Schlag ins Gesicht empfinden dürften. Denn sie sollen auf Jerusalem als Hauptstadt verzichten, die jüdischen Siedlungen im Westjordanland akzeptieren und vom Rückkehrrecht palästinensischer Flüchtlinge Abstand nehmen. (mit dpa, AFP, Reuters)

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