Politik : US-Botschafter Dan Coats: Wenn Sätze ihre Unschuld verlieren

Christoph von Marschall

Die Lage verändert den Terminkalender. Täglich, manchmal stündlich. Vor 14 Tagen kam der neue US-Botschafter Dan Coats in Berlin an. Das Land bereisen, sich mit der Mentalität vertraut machen und sich selbst als Partner vorstellen - das hatte er sich für die ersten drei Monate vorgenommen. Dann kam sein erster Dienstag in Deutschland, der 11. September. Den Kanzler, die Minister, seine Ansprechpartner in den Behörden - viele hat er schneller kennen gelernt als gedacht. "Großartig" sei die Zusammenarbeit und bewegend das Mitgefühl, etwa bei der Demonstration am Brandenburger Tor. Abends verabschiedet er seine Mitarbeiter: "Mal sehen, was der morgige Tag bringt."

Ein unschuldiger Satz, der schnell zur doppeldeutigen Frage wird, wenn Deutsche jetzt mit Amerikanern sprechen, die dicht am Zentrum der Macht sind. Dan Coats lächelt, der langjährige republikanische Senator aus Indiana hat Erfahrung mit Medien. Selbst wenn er wüsste, wann die Militäraktion anläuft, würde er es nicht sagen. "Das Wichtigste ist, dass wir sorgfältig prüfen und planen: Wer gehört zu den Tätern, wo sind sie jetzt, welche Ziele kommen in Frage?" Rechnet er in Stunden, Tagen, Wochen? Ein Gegenschlag könne "reasonably soon" beginnen: "ziemlich bald". Vieles sei anders als beim Golfkrieg zur Befreiung Kuwaits, damals dauerte der Aufmarsch sechs Monate.

Die Koalition gegen den Terror beschränkt sich jedoch nicht aufs Militärische, das ist ihm wichtig. Aufklärung der Unterstützer-Szene wie in Hamburg, Informationen, die einen neuen Anschlag verhindern, überhaupt eine klare Parteinahme gegen die Urheber - alles das seien wertvolle Hilfen. Deutschland könne freilich auch militärische Beiträge leisten und sei bereit dazu. "Das nehmen wir dankbar an."

Coats wurde im Mai 1943 geboren und wuchs unter dem Eindruck der Weltkriegsfolgen und des Kalten Kriegs auf. Die Furcht, Amerika könne blind zuschlagen, erstaunt ihn. Man denke an die Mitarbeiter der Hilfsorganisation "Shelter Now" in den Händen der Taliban, Coats nennt sie "Geiseln". Und daran, alles zu vermeiden, was die Spannungen in den islamischen Ländern noch verschärft, die von einer fundamentalistischen Revolution bedroht sind. Die überstürzten Luftschläge auf Sudan und Afghanistan nach dem Anschlag auf das US-Kriegsschiff "Cole" im jemenitischen Hafen Aden nennt er einen Fehler, der Amerika klüger gemacht habe.

Und, typisch amerikanisch, der traurigen Lage möchte er auch Positives abgewinnen: "Die Bedrohung erneuert und verstärkt unsere Beziehungen." Weder in Ostdeutschland noch unter Linken hat er Amerika-Skepsis bemerkt. "Ich habe in die Gesichter der Menschen gesehen. Wir stehen auf der gleichen Seite."

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