US-Flüssiggasexporte : Amerikanisches Gas und die europäische Lunte

Polen und Litauen kaufen amerikanisches Gas. Wie das die Geopolitik verändert - und Europa spalten könnte. Ein Kommentar.

Die Umschlagplattform für Flüssiggas "Independence" erreicht 2014 den litauischen Hafen Klaipeda.
Die Umschlagplattform für Flüssiggas "Independence" erreicht 2014 den litauischen Hafen Klaipeda.Foto: VALDA KALNINA/picture alliance

Das Ding ist ein Monster. FSRU Independence heißt die riesige schwimmende Umschlagstation für Flüssiggas im litauischen Hafen Klaipeda. Ende 2014 wurde sie in Betrieb genommen. Das litauische Fernsehen berichtete live, die Präsidentin sprach. Die „Independence“ soll dem Land tatsächlich Unabhängigkeit bringen, Unabhängigkeit vom russischen Staatskonzern Gazprom und seinen Gaslieferungen. Mittlerweile deckt Litauen über das Terminal rund 50 Prozent seines Gasbedarfs, importiert wird vor allem aus Norwegen. An diesem Montag nun dockte zum ersten Mal ein Tanker aus den USA an. Litauen ist der erste postsowjetische Staat, der einen Vertrag mit einem amerikanischen Gaslieferanten eingegangen ist: Ein Symbol für einen revolutionären Umbruch auf dem weltweiten Energiemarkt, der geopolitisch enorme Folgen haben kann.

Donald Trump will den Export von Flüssiggas fördern und verändert das geopolitische Gefüge

Die Revolution hat ihren Ursprung in den USA. Seit einigen Jahren wächst dort die Gasförderung ebenso rasant wie der Export. Bei der Gasproduktion sind die USA bereits weltweit Nummer eins, nicht zuletzt wegen des Fracking-Booms. Beim Fracking wird Gas mithilfe von Chemikalien aus Gestein gelöst und gefördert – eine unter Umweltgesichtspunkten hoch umstrittene Technologie. Die Internationale Energieagentur erwartet außerdem, dass die USA in den nächsten fünf Jahren auch zweitgrößter Exporteur von Flüssiggas werden. Technischer Fortschritt macht es möglich, vor allem aber politischer Wille. Donald Trump hat die Wiederbelebung der heimischen Öl-, Gas- und Kohleindustrie zur Priorität erklärt. Unter seinem Energieminister, dem Fracking-Befürworter Rick Perry, dürfte es die Industrie deutlich leichter haben, Lizenzen für den Export und den Bau weiterer Umschlagplätze in amerikanischen Häfen zu erhalten. Cheniere, die amerikanische Gasfirma, die nun Litauen beliefert, investiert Milliarden in Louisiana und Texas. Analysten erwarten, dass die US-Gasproduktion 2017 ein neues Allzeithoch erreicht.

Gas und Öl sind Macht. „Amerikanisches Gas könnte Europas Energiezufuhr sichern und vielfältiger machen, es könnte Russlands Einfluss eindämmen, das energiehungrige Asien umwerben und sicherstellen, dass das 21. Jahrhundert fest in der Hand der Vereinigten Staaten und seiner Verbündeten bleibt“, schreibt die Amerikanerin Agnia Grigas, die für die Denkfabrik Atlantic Council arbeitet, in ihrem im April erschienenen Buch nicht ohne Pathos. Revolutionsskeptiker wie der USA-Experte Josef Braml (Deutsche Gesellschaft für Auswärtige Politik) wenden ein, Pipeline-Lieferungen seien nach wie vor günstiger. „Die Unabhängigkeit von Russland hat ihren Preis“ – und den mag, anders als die baltischen Länder, sicher nicht jedes Land in Europa zahlen.

Die Europäer werden in der Energiepolitik auseinandergetrieben

Wenn amerikanisches Gas Europa auch nicht vor Russland retten mag, umstürzendes Potenzial hat es – nämlich das Potenzial, Europa zu spalten. Als Trump vor dem G-20-Gipfel Polen besuchte, versprach er öffentlich amerikanische Energielieferungen, „damit Polen und seine Nachbarn nie wieder zu Geiseln eines einzelnen Energielieferanten werden“. Doch während Polen, das im Juli ebenfalls eine erste Flüssiggaslieferung von Cheniere erhielt, und die baltischen Länder das Angebot trotz vermutlich höherer Preise dankbar annehmen, sehen Deutschland und Österreich die amerikanische Gas-Strategie als aggressive Übergriffigkeit. Unternehmen aus beiden Ländern sind an dem mit deutschen Bürgschaften abgesicherten North-Stream-2-Projekt beteiligt, das russisches Gas nach Europa bringt. Dass der US-Kongress nun Sanktionen gegen Russland erließ, die den Betrieb gefährden könnten, verurteilten der deutsche und der österreichische Außenminister entsprechend scharf als Versuch, mit politischen Mitteln den europäischen Markt für das teure US-Flüssiggas zu erobern.

Die Kritik ist berechtigt. Dennoch ist es gleichzeitig sehr seltsam, wie wenig die deutsche Politik die Möglichkeit amerikanischer Gaslieferungen als strategische Chance betrachtet – und wie wenig Verständnis sie offenbar für die osteuropäischen Länder hat. In den vergangenen Jahrzehnten sei es Europa nicht gelungen, seine Nachfrage-Macht als größter Importeur russischen Gases zu nutzen, schreibt Agnia Grigas – wegen genau dieser Uneinigkeit. Die Kommission versucht das zwar zu reparieren. Offiziell ist die größere Unabhängigkeit von russischem Gas EU-Strategie. Doch indem Osteuropa auf das Trump-Angebot einsteigt, während die Deutschen auf North Stream 2 setzen, verstärkt sich der geostrategische Graben – zur Unzeit.

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