Politik : US-Forschung: Ringen um Leben und Tod

Malte Lehming

Am vergangenen Donnerstag ging ein ungewöhnliches Fax im Weißen Haus ein. Unterzeichnet ist das Schreiben von 80 US-Nobelpreisträgern. Dazu zählen der Mit-Entdecker der DNS-Struktur, James D. Watson, der Molekular-Biologe Hamilton O. Smith, der eine Schlüsselrolle in der Entschlüsselung des Genoms spielt, die Physiker Murray Gell-Mann und Steven Weinberg, aber auch Ökonomen wie Milton Friedman und Robert Samuelson. Kurzum: Eine stattliche Zahl der klügsten Köpfe der Vereinigten Staaten haben sich in einer dringenden Angelegenheit an George W. Bush gewandt. Es ist die längste Unterschriftenliste von Nobelpreisträgern, die je an einen amerikanischen Präsidenten geschickt wurde, sagen die Organisatoren.

In ihrem Brief fordern die Wisssenschaftler den Präsidenten auf, die von der Clinton-Administration bereits zugesagten Forschungsgelder für Experimente mit embryonalen Stammzellen nicht zu streichen. Das klingt zunächst kompliziert. Nicht minder kompliziert ist das ethische Problem, das dahinter steckt. Seit dem Amtsantritt von George W. Bush eskaliert der Streit jedenfalls. Abtreibungsgegner überfluten das Weiße Haus ebenso mit Sammelbriefen, Protestnoten und E-Mail-Aktionen wie Patienten- und Forscherorganisationen. Beide Seiten wollen Bush zu einem Bekenntnis zwingen: Glaubst du, dass der Zweck die Mittel heiligt?

Stammzellen werden in der Regel aus Embryo-Gewebe entnommen, das in Schwangerschaftskliniken künstlich hergestellt wurde. Weil bei einer In-Vitro-Schwangerschaft meistens mehr Eier befruchtet, als in den Körper der Frau eingepflanzt werden, entstehen gewissermaßen überflüssige Embryonen, die dann weggeschmissen werden. Mediziner in aller Welt hoffen nun, dass mit Hilfe der embryonalen Stammzellen viele Krankheiten geheilt werden können, darunter Parkinson und Diabetes. Außerdem glauben sie, kranke und verschlissene Organe mit diesem Zelltyp ausbessern und erneuern zu können. Bislang ist die Gewinnung von Stammzellen aus Reagenzglas-Embryonen nur in den USA und Großbritannien erlaubt. In Deutschland verstößt sie gegen das Embryonengesetz.

"Wir erkennen an, dass Experimente mit Stammzellen legitime ethische Fragen aufwerfen", schreiben die 80 Nobelpreisträger in ihrem Brief. "Aber man muss einfach verstehen, dass die dabei benutzten Stammzellen ohnehin vernichtet würden. Unter diesen Bedingungen wäre es tragisch, die Gelegenheit verstreichen zu lassen, das Leiden vieler Menschen zu lindern." Offiziell haben US-Wissenschaftler noch bis zum 15. März Zeit, um öffentliche Gelder für Stammzellen-Projekte zu beantragen.

Die Clinton-Regierung hatte entschieden, dass die Stammzellen-Forschung unterstützt wird, weil sie nicht gegen das vom Kongress erlassene Verbot verstoße, das sich gegen die Zerstörung von Embryos richtet. Das Ergebnis war ein bisschen haarspalterisch: Die Zerstörung von Embryonen, um aus ihnen Stammzellen herzustellen, durfte mit öffentlichen Mitteln nicht gefördert werden, die Forschung an den Stammzellen selbst dagegen schon. Doch seitdem die neue Regierung im Amt ist, wächst die Befürchtung, dass Bush sogar dieses differenzierte Programm auf Druck von konservativen Kreisen und Abtreibungsgegnern stoppt. "Ein Krieg ist zu wichtig, um ihn den Generälen zu überlassen. Ebenso ist das Töten von Menschen im Rahmen medizinischer Untersuchungen zu wichtig, um es allein den Wissenschaftlern zu überlassen - oder einigen Nobelpreisträgern", sagte in einer ersten Reaktion auf das Schreiben Douglas Johnson, der Chef des "National Right to Life Committee".

Mit links und rechts, liberal und konservativ, hat der Streit allerdings kaum etwas zu tun. Viele Republikaner sind entschieden gegen die Abtreibung, unterstützen jedoch die embryonale Stammzellen-Forschung. Einige Demokraten wiederum befürworten zwar die Abtreibung, finden aber, dass die Stammzellen-Forschung privaten Organisationen überlassen werden sollte. Bush selbst scheint hin und her gerissen zu sein. "Er ringt mit sich", sagt sein Sprecher. Viel Zeit hat er nicht mehr. Es wird wohl seine erste Entscheidung sein, mit der er einen Teil seiner eigenen Klintel verprellt.

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