Politik : US-Gegenschlag: Das Wort Kreuzzug macht die Türken misstrauisch

Thomas Seibert

Die Islamisten in der Türkei haben es schon immer gewusst. "Dieser Krieg ist ein Kreuzzug", titelte "Akit", das Kampfblatt der Religiösen, am Dienstag. Nach dem Ende des Kalten Krieges habe die Nato jetzt ein neues Feindbild gefunden: Gekämpft werde nicht mehr gegen die Kommunisten, sondern gegen den Islam. "Akit" beruft sich dabei auf den mächtigsten Mann der westlichen Welt. US-Präsident George Bush selbst bezeichnete den Kampf gegen den Terrorismus vor wenigen Tagen als "Kreuzzug" und säte damit in der Türkei, dem einzigen moslemischen Nato-Staat, Ängste, Zweifel und Misstrauen. Der türkische Premier Bülent Ecevit sah sich bereits zur Schadensbegrenzung gezwungen: Bush sei falsch verstanden worden, sagte Ecevit.

Von einem "bösen Ausrutscher" des amerikanischen Präsidenten ist sogar in den bürgerlich-konservativen Medien der Türkei die Rede, die den USA bisher die Stange gehalten haben. Das Wort "Kreuzzug" steht in der islamischen Welt nicht für einen Krieg mit hehren Zielen, sondern für das brutale Hegemonialstreben des christlichen Westens, der den Islam ausradieren will. Dass Bush kurz nach seiner umstrittenen Äußerung ein islamisches Gemeindezentrum in Washington besuchte, wird als Versuch der Wiedergutmachung gesehen.

Viel bewirkt hat der US-Präsident damit aber nicht. Das Massenblatt "Sabah" sprach am Dienstag von der Sorge, der Kampf gegen den Terror könne in einen "Krieg von Christen gegen Moslems, Reich gegen Arm" umschlagen. Die islamistische Zeitung "Yeni Safak" warf die Frage auf, ob der Nato-Staat Türkei nun etwa am Kreuzzug gegen die eigene Religion teilnehmen solle. Schließlich hatte Ankara schon unmittelbar nach den Anschlägen von New York und Washington seine Armee in Alarmbereitschaft versetzt und den Amerikanern versichert, die Türkei werde nach Kräften bei einem militärischen Gegenschlag helfen.

Diese Zusage an die USA ruht in der Türkei auf einem breiten gesellschaftlichen Konsens, der durch die "Kreuzzug"-Äußerung Bushs nun zum ersten Mal auf die Probe gestellt wird. In den Stellungnahmen ranghoher türkischer Politiker klingen immer mehr warnende Töne an. "Terror hat keine Rasse, keine Religion, keine Nationalität", sagte Staatspräsident Ahmet Necdet Sezer. Selbst die staatliche Religionsbehörde in der Türkei, deren Hauptaufgabe darin liegt, islamisch-fundamentalistische Tendenzen aus den Moscheen fernzuhalten, sah sich gezwungen, den Islam in Schutz zu nehmen. "Der Islam ist eine Religion des Friedens und der Toleranz", sagte der Chef der Religionsbehörde, Mehmet Nuri Yilmaz. Es sei falsch und gefährlich, die Religion für die Taten von Terroristen in Haftung zu nehmen.

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