Politik : US-Gegenschlag: Verdeckt hineingehen, verdeckt hinausgehen

Matt Kelley (AP) / R. von Rimscha

Die angekündigte Vergeltungsaktion der USA nach den Terroranschlägen vom 11. September wird vermutlich aus einer Kombination massiver Luftangriffe mit gezielten Vorstößen von Spezialtruppen am Boden bestehen. Diese Erwartung haben zumindest Fachleute, die aus den bisherigen Vorbereitungen der Militärstrategen ihre Schlüsse ziehen. Das erste Ziel wird voraussichtlich Afghanistan mit den Stützpunkten des mutmaßlichen Terroristenführers Osama bin Laden sein; die auf längere Zeit angelegte "Operation Infinite Justice" (Unbegrenzte Gerechtigkeit) soll sich darüber hinaus aber auch auf weitere Ziele erstrecken.

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Chronologie: Die Anschlagserie gegen die USA "Wenn wir auf der Grundlage guter Geheimdienstinformationen vorgehen, dann dürfte es darauf hinaus laufen, dass Kräfte wie die Delta Force versuchen werden, verdeckt hineinzugehen, ihn festzunageln und verdeckt hinauszugehen", sagt der pensionierte General Fred Woerner. Die Delta Force ist eine der insgesamt 29 000 Soldaten umfassenden Spezialtruppen, die unter anderem für Entführungen, Geiselbefreiungen und Angriffe auf kleinem Raum ausgebildet sind. Grafik: Luftwaffenbasen in der Golf-Region Dabei komme es aber entscheidend auf die Erkenntnisse der Geheimdienste zum Aufenthalt Bin Ladens an, geben Militärexperten zu bedenken. "Es ist ein hohes Risiko, und vielleicht hat man Glück, das hängt von der Geheimdienstarbeit ab", sagt Harlan Ullman, der an der National Defense University der USA Strategie unterrichtet. "Aber die Möglichkeiten eines Scheiterns sind groß." Das Verteidigungsministerium befahl indes die Verlegung von 100 Kampfflugzeugen in die Golfregion.

Die USA haben nach Einschätzung der Militärfachleute vier Optionen für ihren geplanten Krieg gegen den Terrorismus, die zum Teil kombiniert werden können:

Luftangriffe mit Bomben und Raketen unter dem Einsatz von Luftwaffe und Marine

begrenzte Kommando-Aktionen mit dem Ziel, Bin Laden und andere mutmaßliche Terroristen zu töten

eine schnelle Invasion einer größeren Truppe mit bis zu 20 000 Soldaten

eine Invasion großen Stils mit Bodentruppen von mehreren hunderttausend Soldaten

Die vierte Option ist die unwahrscheinlichste. Die Versorgung so vieler Soldaten in einem zerklüfteten Bergland ohne Infrastruktur wäre überaus schwierig, sagt Woerner. Zudem müsste eine solche Invasion von Pakistan aus erfolgen, was dort zu schweren Unruhen führen würde. "Das Letzte, was wir wollen, ist ein destabilisiertes Pakistan mit der Fähigkeit, Atomwaffen einzusetzen", sagt Woerner. "Bei allem, was wir tun, müssen wir sehr darauf aufpassen, dass Pakistan nicht ins Chaos gestürzt wird." Aber Luftangriffe würden nicht viel mehr erreichen, als den Amerikanern ein gutes Gefühl zu geben, sagen die Experten. Auch Vize-Verteidigungsminister Paul Wolfowitz hat angedeutet, es werde kaum bei Luftangriffen bleiben.

In Berlin geht man davon aus, dass die USA für ihre ersten Aktionen nicht die Nato insgesamt um militärische Unterstützung bitten werden, sondern nur einzelne Nato-Staaten. Aus SPD-Kreisen hieß es, aus strategischen Gründen sei es wahrscheinlich, dass Deutschland unter jenen Staaten sein werde, die von Washington um Unterstützung gebeten werden. Nach deutschen Angaben haben die westlichen Geheimdienste bislang keine Belege für eine Verwicklung Iraks oder radikaler Palästinenserorganisationen in die Anschläge. Der Auswärtige Ausschuss wurde entsprechend unterrichtet. Daher gilt ein Einbeziehen Saddam Husseins als Ziel der US-Vergeltungsschläge als wenig wahrscheinlich.

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