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US-Informant Edward Snowden im Porträt : Einer musste es tun

27.06.2013 16:48 Uhrvon
Spielball der Supermächte. Irgendwo im Transitbereich des Flughafens Scheremetjewo soll Edward Snowden sich leibhaftig aufhalten. Doch gesehen hat ihn dort niemand. Dafür läuft das Video dort überall, mit dem er seine Anonymität aufgab.Bild vergrößern
Spielball der Supermächte. Irgendwo im Transitbereich des Flughafens Scheremetjewo soll Edward Snowden sich leibhaftig aufhalten. Doch gesehen hat ihn dort niemand. Dafür läuft das... - Foto: REUTERS

Träumer? Spinner? Vaterlandsverräter: „Ich unterscheide mich nicht von anderen Amerikanern“, sagt Edward Snowden. Seit zwei Wochen ist er auf der Flucht. Denn er hat seinen Landsleuten offenbart, wie groß das Ausmaß ihrer Überwachung ist. Die Geschichte eines gewissenhaften IT-Experten.

Vielleicht müssen sich die USA wirklich Sorgen machen. Wenn sie von jemandem wie Edward J. Snowden verraten werden, dann sind sie vor niemandem mehr sicher. „Jene“, sagt er, „die die Freiheit für die Sicherheit aufgeben, werden weder das eine noch das andere bekommen, noch haben sie es verdient.“

Benjamin Franklin hat diesen Satz gesagt, und weil Franklin als „der erste Amerikaner“ gilt, er war Mitverfasser der Unabhängigkeitserklärung und beendete als Diplomat in Paris den Unabhängigkeitskrieg, lernen in den USA schon Kinder, wie wichtig Bürgerrechte zu nehmen sind. Sie lernen Franklin-Sätze in der Schule auswendig, sie sollen sie verinnerlichen.

Ist es da eine Überraschung, dass Edward Snowden es wörtlich nimmt? Ein Nobody, ein Jedermann?

Er trägt ein grau-blaues Oberhemd, die kurzen Haare und die randlose Brille machen jede Erwartung auf nur ein bisschen Extravaganz zunichte. Er ist bloß der Informant. Aber mit seinen Enthüllungen um die Spähprogramme der USA und Großbritanniens hat es der 30-Jährige auf praktisch jeden Fernsehbildschirm des Planeten geschafft. Dabei ist er nur ein gebildeter junger Mann mit blassem Gesicht, der von sich behauptet, „ich unterscheide mich nicht von anderen Amerikanern“.

So ganz kann das nicht stimmen. Denn es hat selten Fälle wie den Edward Snowdens gegeben. Die Spione Ethel und Julius Rosenberg gaben Informationen über das Manhattan-Projekt, den Bau der amerikanischen Atombombe, an die Sowjetunion weiter – brisant, aber am Ende doch überflüssig. Daniel Ellsberg, ein Militäranalyst, verbreitete während des Vietnamkrieges die Pentagon Papers. Aus ihnen ging hervor, wie sehr die Johnson-Regierung das Parlament über das Ausmaß des Krieges getäuscht hatte – ein Affront. Der Soldat Bradley Manning, der für die US-Army im Irak bei der Aufklärung arbeitete, leitete Video-Aufzeichnungen und eine Unmenge belastendes Material an die Internetplattform Wikileaks weiter – ärgerlich für die USA, aber auch zu viel des Guten. Während Manning Material preisgab, das als „Verschlusssache“ eingestuft worden war, basieren Snowdens Enthüllungen auf streng geheimen Operationen. Durch sie wird das ganze Ausmaß der Datenspionage durch die amerikanische Sicherheitsbehörde NSA sichtbar. Jeder US-Bürger, der mit dem Ausland Kontakt hat, wird ebenso erfasst wie Datenströme jedes in den USA befindlichen Servers, der von ausländischen Firmen betrieben wird.

Ohne Leute wie Snowden läuft in dieser Welt nichts. Denn der 30-Jährige ist Systemadministrator. Ein Architekt der digitalen Welt. Einer von denen, die man ruft, wenn auf dem Computer mal wieder etwas nicht so funktioniert, wie es sollte. Einer, den man machen lässt und lieber nicht um eine Erklärung bittet, weil man sie ohnehin nicht verstünde. Es sind die IT-Experten, durch die aus den kryptischen Befehlsketten des Digitalen eine Jedermannwelt wird. Und obwohl man zuweilen das Gefühl bekommen kann, dass an Leuten wie ihnen jene andere, soziale Welt vorbeiläuft, weil sie oft schweigsam sind und sich unter Menschen deplatziert fühlen, tut sie das eben nicht. Snowden hat sich aus seinem Kokon begeben.

Ein Rätsel ist er der Welt geblieben. Da ist diese Konsequenz. Das alte Leben aufgegeben für ein paar historische Worte Benjamin Franklins. Soll man diese Konsequenz bewundern? Soll man sie fürchten als die Sturheit eines Träumers?

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