Politik : US-Kampfjets im türkischen Luftraum

Thomas Seibert

Istanbul - Als die Luftüberwachung der türkischen Armee die Eindringlinge bemerkte, lösten die Offiziere sofort Alarm aus. Voll bewaffnet stiegen türkische Kampfflugzeuge von ihrem Stützpunkt in Südostanatolien auf und rasten den vermeintlichen Angreifern entgegen. Die machten sich schnell über die nahe Grenze in den Irak davon – es waren Flugzeuge des türkischen Verbündeten und Nato-Partners USA.

Ganze vier Minuten lang waren zwei aus dem Irak kommende US-Kampfjets vom Typ F-16 am vergangenen Donnerstag ohne Erlaubnis am Himmel über der Südosttürkei unterwegs. Ein Versehen, sagt Washington. Die Türkei sieht das anders. Das Außenamt in Ankara übergab der US-Botschaft eine Protestnote, und Ministerpräsident Recep Tayyip Erdogan drohte den Amerikanern in einem Fernsehinterview sogar mit Konsequenzen.

Hinter der scharfen Reaktion der Türken auf die Vier-Minuten-Lappalie stecken ein chronisch gewordenes Misstrauen der Türken gegenüber der amerikanischen Irak-Politik sowie der gerade begonnene Parlamentswahlkampf in der Türkei. Beide Faktoren bilden zusammen eine hoch explosive Mischung: Ein türkischer Einmarsch in den Irak zur Zerstörung von Stützpunkten der PKK-Kurdenrebellen wird wahrscheinlicher; die türkische Armee schickt immer neue Truppen an die Grenze.

Erst vor einer Woche starben in Ankara sechs Menschen bei einem Selbstmordanschlag, für den die PKK verantwortlich gemacht wird. Fast jeden Tag meldet die Armee neue Verluste im Kampf gegen die Rebellen in Südostanatolien. Aus Sicht der Türkei ist dies eine direkte Folge der Untätigkeit der irakischen Besatzungsmacht USA: Nur weil sich die PKK in ihren Lagern im Nordirak sicher fühlen könne, sei sie stark genug, um in der Türkei anzugreifen.

Große Teile der türkischen Öffentlichkeit werten den Abstecher der amerikanischen F-16-Kampfjets als gezielte Warnung an Ankara im Zusammenhang mit einer möglichen Militäraktion der Türkei. „Nordirak gehört uns, passt bloß auf“, lautet die Botschaft der Amerikaner nach Meinung des Ex-Diplomaten Sükrü Elekdag. Thomas Seibert

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