Politik : US-Militärstrategie: Washington setzt auf schnelle Eingreiftruppe

Malte Lehming

Amerika will seine Militärstrategie radikal ändern. Die Armee soll kleiner werden und schneller auf Krisen reagieren können. Zudem sollen die Möglichkeiten der modernen Informationstechnologie stärker in die Kriegführung einbezogen und die Weiterverbreitung von Massenvernichtungswaffen entschiedener bekämpft werden. Das berichtete am Montag die "Washington Post" unter Berufung auf Kreise des US-Verteidigungsministeriums. Demzufolge wird sich Pentagon-Chef Donald H. Rumsfeld voraussichtlich bereits an diesem Mittwoch mit Präsident George W. Bush treffen, um dessen Zustimmung zu den neuen Plänen zu suchen.

In der kommenden Woche soll die neue Strategie dann offiziell verkündet werden. Zum Abschluss des darauf folgenden politischen Werbefeldzuges werde Bush am 25. Mai in einer Grundsatzrede vor der Naval Academy "seine Visionen über die Aufgabe der US-Armee im 21. Jahrhundert" präsentieren. Geplant seien die "größten Veränderungen" seit Jahrzehnten, die auf die amerikanische Armee zukommen, schreibt die Zeitung.

Im Zentrum der strategischen Neuorientierung steht offenbar die Abkehr vom so genannten "Zwei-Kriege-Prinzip", das in den vergangenen zehn Jahren gültig gewesen sei. Demzufolge war die Minimalgröße der Streitkräfte darauf ausgerichtet, gleichzeitig an zwei verschiedenen Orten der Welt Krieg führen zu können, etwa in Korea und im Irak. Entsprechend wurde die Zahl der benötigten Soldaten, Panzer, Schiffe und Flugzeuge festgelegt. Die Abkehr von diesem Prinzip wird vor allem die Truppenstärke betreffen. Derzeit dienen rund 1,4 Millionen Soldaten in der Armee. Durch eine Reduzierung der personalintensiven Streitkräfte könnte Rumsfeld zusätzliche finanzielle Mittel in neue Waffenkäufe fließen lassen.

Unmittelbar nach Amtsantritt der neuen US-Regierung im Januar hatte Rumsfeld mit einer umfassenden Überprüfung der amerikanischen Streitkräfte und der Ausarbeitung einer neuen Strategie begonnen. Er ernannte 20 Gremien, die für verschiedene Bereiche Details ausarbeiten sollten. Auf Grundlage dieser Empfehlungen soll der Verteidigungshaushalt für die kommenden Jahre geplant werden.

Allgemein wird davon ausgegangen, dass das Pentagon-Budget demnächst beträchtlich erhöht wird, zumal von dem Betrag auch die Kosten für die Entwicklung eines nuklearen Raketenabwehrschildes (NMD) gedeckt werden müssen.

Am Sonntag hatte Rumsfeld gesagt, dass die Forschung für die neue Landesverteidigung sowohl seegestützte Systeme als auch Lasertechnologien und Weltall-Sensoren umfassen werde. Kein Bereich solle von der Forschung ausgenommen werden. Die genauen Entwicklungs-Kosten für den Aufbau eines derartigen Systems sind allerdings noch unbekannt. Laut Vize-Verteidigungsminister Paul D. Wolfowitz ist es am wahrscheinlichsten, dass sich das Verteidigungsministeriums zunächst auf die Entwicklung einer seegestützten Raketenabwehr konzentriere.

Der neuen Militärstrategie liegt die Überzeugung zugrunde, dass die schnelle Krisenbewältigung - etwa Taiwan gegen eine Blockade der Chinesen zu verteidigen oder die Öl-Transportwege am Persischen Golf zu sichern - wichtiger geworden sei als die klassische Kriegführungskapazität. Überdies hätten sich die möglichen Bedrohungsszenarien von Europa wegverlagert nach Ost-Asien.

Wesentliche Elemente der neuen Strategie hatte Bush bereits im Februar in einer Rede in Norfolk (Virginia) vorweggenommen. "Zu Land werden unsere Waffen leichter und tödlicher sein", sagte er. "In der Luft werden wir in der Lage sein, überall auf der Welt präzise und punktgenau zuzuschlagen. Und auf dem Wasser müssen wir die gesammelten Informationen in Verbindung mit den neuen Technologien noch besser auswerten." Neben der Steuersenkung und der Schulreform gilt der radikale Umbau der amerikanischen Streitkräfte als eines der wichtigsten politischen Vorhaben der neuen US-Regierung.

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