US-Ökonom : „Das ist der Anfang vom Ende des US-Imperiums“

Seit 2004 warnte Nouriel Roubini vor einer "harten Landung" der US-Wirtschaft, sollte die Immobilienblase einmal platzen. Aber Kollegen verspotteten den amerikanischen Ökonom als "Dr. Untergang". Nun erwartet er die schlimmste Rezession seit 50 Jahren.

Interview von Harald Schumann
Wirtschaftsexperte
Der amerikanische Ökonom Nouriel Roubini erwartet die schlimmste Rezession seit 50 Jahren. -Foto: promo

Nouriel Roubini, 50, ist Professor an der New York University und machte sich einen Namen als Analytiker der Finanzkrisen in den Schwellenländern. Seine Firma „RGE Monitor“ liefert ihren Kunden täglich einen umfassenden Überblick zu den Entwicklungen der Weltwirtschaft. Seit 2004 warnte er vor einer „harten Landung“ der US-Wirtschaft infolge des Platzens der Immobilienblase. Aber Kollegen verspotteten ihn als „Dr. Untergang“. Trotzdem wurde er zum gefragten Berater für Finanzpolitiker, insbesondere auch für die Gestaltung des Rettungsprogramms.hsc

Professor Roubini, die amerikanische Regierung bietet 700 Milliarden Dollar, um den Banken faule Kredite und unverkäufliche Wertpapiere abzukaufen. Rettet dieses Programm uns vor einer Weltwirtschaftskrise?

Damit lässt sich vielleicht der totale Zusammenbruch verhindern, aber mehr nicht. Der Unterschied zwischen diesem Plan und gar keine Hilfe ist der zwischen der völligen Kernschmelze des gesamten Finanzsystems und einer schweren Bankenkrise, die uns in eine harte Rezession führt.

Gäbe es denn eine bessere Alternative?

In der vorgeschlagenen Form ist der Plan ein Fehler und geht nicht weit genug. Der Kauf der „toxischen“, nicht verkäuflichen Kreditpakete ist nur ein erster Schritt. Dem muss ein Programm folgen, das pauschal das Volumen der Hypothekenschulden der privaten Haushalte verringert. Sehr viele Haushalte sind praktisch insolvent, können also die hohen Raten nicht mehr zahlen. Wenn ein Land oder eine Firma insolvent ist, dann werden ja auch die Schulden abgeschrieben, damit sie wieder arbeiten und erneut wachsen können. Damit ist zum Beispiel Argentinien wieder auf den Wachstumspfad gekommen. Genauso ist es jetzt mit unserem Haushaltssektor, er ist überschuldet und muss umfassend entlastet werden. In einem dritten Schritt müssen schließlich die Banken neues Kapital bekommen, sei es privat oder vom Staat, damit sie überhaupt wieder richtig arbeiten können. Alle drei Schritte zusammen könnten eine Lösung der Kreditklemme bringen. Aber der Plan der Regierung beschränkt sich nur auf den ersten Schritt, und das ist das Problem.

Würde Ihr Vorschlag das Rettungsprogramm nicht noch viel teurer für die Steuerzahler machen?

Nein, denn natürlich müsste die Regierung für das Kapital, das sie den Banken zuführt, Vorzugsaktien bekommen, der Staat wäre also an den Gewinnen nach der Sanierung beteiligt und könnte sich so das Geld später wieder zurückholen. Auch die Minderung der nominellen Werte der Hypotheken würde am Ende weniger Kosten verursachen, als wenn es bei den hohen Schulden bliebe, denn in diesem Fall müssten viele Hausbesitzer ihre Häuser einfach aufgeben und würden am Ende gar nicht zahlen. Besser wäre es, ihre Schulden abzubauen und ihnen für den Rest eine Refinanzierung zu niedrigen Zinsen zu ermöglichen. Mit einem ganz ähnlichen Programm hat die Regierung die Folgen der Großen Depression in den 30er Jahren des vergangenen Jahrhunderts erfolgreich bekämpft.

Wäre die Rezession, also die Schrumpfung der Volkswirtschaft, so noch zu verhindern?

Nein, der Rezessionszug hat den Bahnhof schon verlassen. Die Ausgaben der Verbraucher sinken schon seit vier Monaten, und sie machen 70 Prozent der gesamten Wirtschaftsleistung in den USA aus. Darum wäre die Entlastung der privaten Haushalte ja auch so wichtig. Für das dritte Quartal weisen sogar die offiziellen Daten schon ein Negativwachstum aus. Und das Gleiche gilt für alle hoch entwickelten Länder, gleich ob in der Eurozone, in Großbritannien, in Kanada, in Neuseeland oder in Japan. Die Frage ist nur noch, wie schlimm es wird.

Wie lange wird die Krise dauern?

Es wird auf jeden Fall die längste und schwerste Rezession seit 50 Jahren. Das Minimum sind 18 Monate, also gerechnet ab Anfang 2008 bis Mitte nächsten Jahres. Die Rezession wird sogar zwei Jahre oder noch länger anhalten. Die Frage ist jetzt, ob die Wachstumskurve die Form eines U annimmt, wo es nach dem Absturz schnell wieder aufwärts geht, oder ob es ein L wird, wie nach dem Crash in Japan, wo die Rezession zehn Jahre lang dauerte.

Wo ist eigentlich das ganze Geld geblieben, das jetzt als ausstehende Schuld in den Büchern der Banken steht? Könnte man sich das Geld nicht bei den Gewinnern zurückholen?

Nein, denn das meiste wurde ja in die Blase investiert, nach deren Platzen eine ungeheure Menge an Reichtum einfach verschwunden ist. Immobilien oder Aktien haben schon gut ein Fünftel ihres Wertes verloren. Natürlich haben während des Booms einige viel verdient, aber unterm Strich macht die Krise alle zu Verlierern. Milliardenwerte sind vernichtet, und viele Menschen werden auch noch ihre Jobs und Einkommen verlieren , es kommen harte Zeiten.

Und was ist mit den Managern der Finanzindustrie, die sich jahrelang mit zwei- und dreistelligen Millionengehältern bedient haben? Könnten die nicht auch finanziell zur Verantwortung gezogen werden?

Natürlich ist das ein Skandal, dass diese Leute die Gewinne privat eingestrichen haben, während jetzt die Verluste sozialisiert werden. Manche haben sogar richtig kriminell gehandelt, darum ermittelt ja jetzt auch das FBI, und womöglich müssen sie hohe Strafen zahlen. Entscheidend wird, ob die Regierung oder der Kongress durchsetzen können, dass der Staat für die Kapitalspritzen große Aktienpakete bekommt. Denn dann wird zumindest der Aktienbesitz dieser Leute an den Unternehmen, die sie in die Milliardenverluste geführt haben, erheblich entwertet.

Weil die neuen Aktien für den Staat den Wert der bisherigen Anteile verwässern werden?

Ja, so wird auch verhindert, dass die gescheiterten Manager nicht auch noch von der Sanierung ihrer früheren Arbeitgeber auf Staatskosten profitieren.

Wie wird sich die Krise für Europa auswirken?

Auch in Europa werden viele Banken Probleme bekommen wegen der jetzt platzenden Blasen auf den Immobilienmärkten in Spanien, Großbritannien und Irland. Der Einbruch der Preise für Privathäuser wird dort zum Teil noch schlimmer ausfallen als in den Vereinigten Staaten. Auch in Griechenland, Italien und Portugal wird es Ärger mit den Krediten für überbewertete Immobilien geben. Außerdem haben sehr viele europäische Finanzinstitutionen die vergifteten Papiere aus den USA gekauft und deren Wertverlust noch nicht anerkannt. Viele sind sogar weit höher verschuldet im Verhältnis zu ihrem Eigenkapital als Amerikas Banken. Da kommen die Kreditverluste, die jetzt mit der Rezession einhergehen, noch obendrauf.

Sollten die Europäer jetzt auch ein Rettungsprogramm starten?

Ja, unbedingt. Zuallererst sollte die Europäische Zentralbank endlich die Zinsen senken. Die EZB liegt klar hinter der Kurve, sie sorgt sich um die Inflation, anstatt sich um das Wachstum und die finanzielle Stabilität zu kümmern. Gleichzeitig sollten die Regierungen jetzt beginnen, die Banken zu prüfen und zu entscheiden, welche sie bankrottgehen lassen und welche sie retten müssen. Und das sollte frühzeitig und systematisch Schritt für Schritt geschehen, anstatt bis zum Desaster zu warten wie bei uns. Andernfalls wird es nur viel schlimmer. Europa sollte den Fehler vermeiden, der in den USA gemacht wurde.

Aber das hieße auch wieder, mit Steuergeld schlecht geführte Banken freizukaufen.

In den Ländern, wo die Gefahr am größten ist, in Großbritannien und Irland, sollte man das jetzt beginnen. Die deutschen Banken stehen noch besser da, insofern müsste man entsprechende Programme der Lage in den einzelnen EU-Ländern anpassen.

Die Europäer und vor allem die deutsche Regierung fordern jetzt mehr Regulierung, um solche Krisen künftig zu vermeiden, aber bisher haben sie kein schlüssiges Konzept. Welche Reformen würden wirklich wirken?

Da gibt es eine lange Liste, die reicht von den Vergütungsregeln für die Manager bis zur Kontrolle der Rating-Agenturen. Aber ein Prinzip sollte überall gelten: Alle Finanzunternehmen, gleich ob sie sich als Geschäftsbank, als Investmentbank, als Hedgefonds oder sonst was bezeichnen, müssen gleichen Grundregeln unterworfen werden. Denn alle leihen sich kurzfristig Geld, sie arbeiten mit Kredithebeln …

… das heißt, sie vervielfachen ihren Kapitaleinsatz über Kredite …

… ja – und alle investieren in langfristige, oft illiquide, nicht schnell verkäufliche Anlagen. Eine wesentliche Ursache für die Krise war, dass die alte Regulierung nur Geschäftsbanken im engen Sinne erfasst hat und die Finanzindustrie darum über alle möglichen Vehikel wie Hedgefonds, die Private-Equity-Fonds oder Tochterfirmen außerhalb der Bilanz ein Schattenbanksystem geschaffen hat, das völlig ohne Aufsicht gearbeitet hat. Wir brauchen also ein System, in dem alle Finanzunternehmen ab einer bestimmten Größe den gleichen Vorschriften für das Vorhalten von Eigenkapital und das zulässige Ausmaß der Verschuldung sowie Berichtspflichten unterliegen. Und diese Regeln müssen verbindlich sein und keine neuen Ausnahmen zulassen. Die Selbstregulierung, auf die die Politik gesetzt hat, hat nur dazu geführt, dass es am Ende gar keine funktionierende Regulierung mehr gab. Die oft versprochene „Marktdisziplin“ hat nicht funktioniert. In einem Finanzsystem ohne strenge Regeln herrscht aber das Gesetz des Dschungels, in dem Euphorie und Panik, Spekulationsblasen und Zusammenbrüche endemisch werden und andauernd geschehen.

Sie haben schon seit 2004 gewarnt, dass die Immobilienblase in eine schwere Krise führen werde, wenn die Regierung nicht eingreift. Und Sie waren nicht der Einzige. Warum haben die Verantwortlichen alle Warnungen ignoriert?

Alle hatten sich schon zu weit verstrickt, das ganze Finanzsystem war zu einem großen Betrug verkommen. Die einen gaben die Hypotheken raus, die nächsten haben diese dann zu Wertpapieren zusammengefasst, die dann noch einmal zu weiteren Pakten verpackt und weiterverkauft wurden, und so verdienten alle: vom Hypothekenmakler über die Versicherer und die Investmentbanken bis zu den Rating-Agenturen haben sie ihre Provisionen und Gebühren eingestrichen, während sie die Kreditrisiken rumgereicht haben wie heiße Kartoffeln. So wurde das Ganze ein Monster.

Was bedeutet all das für die Rolle des Dollar als Welthandelswährung und für die Stellung der USA in der Welt?

Wir erleben den Anfang vom Ende des amerikanischen Imperiums, das in dem Jahrzehnt nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion die wirtschaftlich, finanziell, politisch und militärisch dominante Macht war. Die Erosion hat schon mit dem Aufstieg von China, Indien und Russland begonnen, aber die falsche Wirtschafts- und Finanzpolitik hat dies erheblich verschärft.

Aber die USA sind doch noch immer die überlegene Supermacht.

Großmächte, so wie das britische Empire, waren immer auch Kreditgeber und Gläubiger der übrigen Welt. Für Britannien begann der Niedergang, als es zum Netto-Schuldner wurde. Das Gleiche geschieht nun mit den Vereinigten Staaten. Die USA sind die größte Schuldnernation der Welt und leben mit einem gigantischen Defizit in der Leistungsbilanz, das heißt, es werden jährlich für über 700 Milliarden Dollar mehr Waren und Dienstleistungen importiert, als die USA selbst ins Ausland verkaufen können. Dazu kommt ein Staatsdefizit von nun bald 1000 Milliarden Dollar. Und all das wird von China, Russland und den politisch instabilen Staaten am persischen Golf finanziert. Das ist ein klares Signal für den Niedergang.

Könnte die Finanzkrise auch einen Crash des Dollar auslösen?

Ich erwarte keinen Crash, denn China und viele andere Staaten stützen den Dollarkurs, indem sie immer mehr Dollars kaufen. Aber die Bedeutung des Dollar als Reserve- und Handelswährung wird mit der Zeit weit geringer werden, weil der Euro und andere Währungen zunehmend an seine Stelle treten werden. Das wird sich über lange Zeit hinziehen, aber es wird geschehen.

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