• US-Präsident betont zuerst die Führungsrolle Neu-Delhis, dann kritisiert er die Rüstungspolitik

Politik : US-Präsident betont zuerst die Führungsrolle Neu-Delhis, dann kritisiert er die Rüstungspolitik

Gabriele Venzky

Der amerikanische Präsident Bill Clinton hat am zweiten Tag seines als historisch bezeichneten Staatsbesuchs in Indien das getan, was er am besten kann: reden. In einer Ansprache vor beiden Häusern des indischen Parlaments sagte er seinen Zuhörern das, was sie hören wollten.

Und das Clinton-Fieber, welches das Land gepackt hat, stieg noch um einige Grade weiter. Indien, das sich als Supermacht betrachtet und deshalb einen Sitz im UN-Sicherheitsrat beansprucht, möchte von den USA als gleichberechtigter Partner behandelt werden. So gab es Beifallsbekundungen, als der Präsident sagte, die vielen Gemeinsamkeiten "der beiden größten Demokratien der Welt" machten beide Staaten "zu natürlichen Verbündeten", die Zeit "für eine neue Partnerschaft" sei deshalb gekommen und Amerika begrüße ausdrücklich "die Führungsrolle Indiens in der Region, ja, in der Welt". Clinton lobte die uralte Kultur des Landes, vergaß auch das obligatorische Gandhi-Zitat nicht und kam sogar auf indische Musik zu sprechen - alles Balsam auf für die Psyche eines riesigen Landes, das an einem unerklärlichen Minderwertigkeitskomplex leidet.

Aber der Präsident sprach auch die Themen an, die man in Indien nicht so gern hört: die ungeklärte Kaschmirfrage und den atomaren Wettlauf zwischen Pakistan und Indien, die nach Ansicht der Amerikaner die Region zur potenziell gefährlichsten in der Welt machen. Das jüngste Massaker in Kaschmir, bei dem am Dienstag 36 Sikhs ermordet worden waren, war für Clinton Anlass, Indien und Pakistan zur Wiederaufnahme ihres Dialogs aufzufordern und noch einmal klar zu machen, für wie wichtig Washington die Abschaffung nuklearer Waffen hält. Dies gilt besonders für diese Gegend, in der nicht einmal die primitivsten Mechanismen zur Verhinderung eines Atomkriegs, vor allem eines Atomkriegs aus Versehen, vorhanden sind, wie rote Telefone oder der Verzicht darauf, Manöver bedrohlich direkt an der Grenze abzuhalten. "Indien hat die gleiche Verantwortung wie die USA, wenn es darum geht, Spannungen in der Welt zu reduzieren", sagte Clinton.

Doch in diesem Punkt besteht man in Delhi keineswegs auf Gleichheit. In einer den üblichen diplomatischen Gepflogenheiten widersprechenden Rede hatte Staatspräsident Narayanan beim Staatsbankett am Abend zuvor Clinton brüsk belehrt, dass er mit seiner These von der gefährlichsten Region der Welt völlig falsch liege, und Premierminister Atal Behari Vajpayee hatte seinem Gast erklärt, angesichts der nuklearen Bedrohung durch gleich zwei Atommächte - nämlich Pakistan und China - bliebe Indien nichts anderes übrig, als zumindest ein Minimum an nuklearer Abschreckung beizubehalten, solange nicht weltweit die nukleare Abrüstung erreicht sei.

Immerhin sei sein Land aber bereit, auf weitere Atomtests zu verzichten. "Am besten wäre es, die Amerikaner hielten sich aus unseren Angelegenheiten heraus und versuchten nicht, irgendeine Vermittlerrolle zu übernehmen", setzte Außenminister Jawant Sinha noch einen drauf.

Nein, Indien ist nicht geneigt, irgendwelche Kompromisse in der Kaschmirfrage und dem damit unmittelbar zusammenhängenden Thema der nuklearen Aufrüstung einzugehen. Dabei sind sie das Kernproblem Südasiens. Die Spannungen zwischen Indien und Pakistan haben beide Länder ausgeblutet, haben sie beide um die Entwicklung gebracht, die andere in der Nachbarschaft wohlhabend und fortschrittsorientiert werden ließ. Obwohl klar ist, dass der Streit um Kaschmir nicht militärisch gelöst werden kann, hat sich, nachdem erst im vergangenen Sommer nur knapp ein Atomschlag verhindert wurde, die Lage abermals so zugespitzt, dass Indien einen "begrenzten Krieg", was immer darunter zu verstehen ist, nicht mehr ausschließt. "Wenn sie (die Pakistanis) glauben, wir warteten nur darauf, dass sie die Bombe werfen, dann haben sie sich gründlich geirrt", drohte Premier Vajpayee, und sein Gegenspieler, der neue Militärdiktator in Pakistan, General Pervez Musharraf konterte: "Wenn unsere nationale Integrität auf dem Spiel steht, werden wir schon die richtige Entscheidung treffen."

Seit Anfang des Jahres wird nahezu täglich an der Waffenstillstandslinie, die den kleineren, von Pakistan besetzten Teil, von dem größeren, indisch besetzten Teil Kaschmirs trennt, geschossen. Die Angriffe so genannter Heiliger Krieger, worunter zunehmend Freischärler zu verstehen sind, die in Afghanistan ihre Ausbildung erhalten haben, und die von Pakistan finanziert und geschickt werden, auf indische Sicherheitskräfte mehren sich auffallend, die Überfälle auf Hindus und nun auch zum erstenmal auf Sikhs werden immer häufiger, in Delhi spricht man von ethnischen Säuberungen.

Zwischen den Fronten steht eine von beiden Seiten terrorisierte Bevölkerung von etwa acht Millionen Menschen, die den muslimischen Untergrund, wenn auch widerstrebend, deckt. Denn die indischen Sicherheitskräfte - 650 000 Mann in dem kleinen Territorium - führen sich auf wie eine brutale Besatzungsmacht. Von der immer wieder versprochenen Autonomie für den einzigen Staat der Indischen Union mit muslimischer Mehrheit ist weit und breit nichts zu sehen. Die einzige Maßnahme, welche die Lage unmittelbar enstpannen könnte, wird von Pakistan abgelehnt, nämlich die Anerkennung der Waffenstillstandslinie als internationaler Grenze. Es fehlt der politische Wille, den Konfliktherd zu beseitigen.

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