US-Präsident büßt Sympathien ein : Barack Obama: Der Gefühlskalte

Barack Obama stand bei der Kongresswahl nicht auf dem Stimmzettel, um seine Wiederwahl geht es erst 2012. Dennoch muss sich der Präsident unangenehme Fragen gefallen lassen.

von
Barack Obama kann die Amerikaner nicht mehr begeistern.
Barack Obama kann die Amerikaner nicht mehr begeistern.Foto: dpa

Washington - Obama werden zwei Vorwürfe gemacht: Er habe die falschen Prioritäten gesetzt. Und er trete zu distanziert auf, zu intellektuell, und lasse es an emotionaler, einfühlsamer Ansprache der Wähler fehlen. Kurz: Er habe ein Authentizitätsproblem.

Der erste Vorwurf klingt nur im Rückblick einleuchtend. Hätte Obama voraussehen müssen, dass die Wirtschaftskrise sich noch lange hinziehen werde, dass folglich auch die Arbeitslosenzahlen nicht so rasch sinken und dass diese Not die Bürger stärker als jedes andere Thema bei der Parlamentswahl 2010 bewegt? Und hätte er deshalb Großvorhaben wie die Gesundheitsreform zurückstellen und sich zuallererst um Konjunkturbelebung und Erholung am Arbeitsmarkt kümmern sollen?

2009 haben die meisten Kommentatoren ganz andere Ratschläge erteilt. Damals hieß es, Obama solle zuerst die Reformen angehen. Seine Demokraten hatten eine große Parlamentsmehrheit. Und die könne bei der Kongresswahl 2010 verloren gehen. Also Reformen zuerst. Das galt damals als richtig, heute als falsch. So ändern sich Stimmungen und Urteile.

Gravierender ist der Einwand gegen sein Auftreten. Von dieser Wahrnehmung wird abhängen, wer 2011 den Kampf um die öffentliche Meinung gewinnt: er oder seine republikanischen Gegenspieler, die künftig die Mehrheit im Abgeordnetenhaus kontrollieren. In dieser Auseinandersetzung entscheidet sich auch, wer die bessere Ausgangsposition für die Präsidentschaftswahl 2012 hat.

Obama war ein glänzender Wahlkämpfer, dem die Menschen 2008 begeistert folgten – weil er die Wende weg von Bush verkörperte. Als Präsident hat er keine Sympathiewellen entfacht. Er agiert vorsichtig und überlegt. Auf viele wirkt das gefühlskalt. Schon 2008 hatte sich gezeigt, dass zum Beispiel weiße Arbeiter keine innere Nähe zu ihm empfinden. Er ist kein Kumpeltyp, mit dem man gerne mal ein Bier in der Eckkneipe zischt und über Football fachsimpelt. Er wirkt professoral und distanziert und weckt Assoziationen wie Ökosupermarkt, Designerboutique, Universität.

Auch mit Kanzlerin Angela Merkel und anderen Führungsfiguren der Weltpolitik geht er so geschäftsmäßig um, dass Medien regelmäßig spekulieren, ob Obama und Merkel sich nicht verstehen. Dabei ist der nüchterne Stil typisch für ihn und eher Ausdruck von Professionalität.

Bei manchen in der weißen Unterschicht mag auch die Ablehnung seiner Hautfarbe mitwirken. Aber das betrifft eine Minderheit. Wichtiger scheint: Obama ist kein Bill Clinton, der das Bad in der Menge liebt und eine Gabe dafür hat, Menschen mit Blicken und Worten das Gefühl zu geben: Ich fühle mit dir und stehe auf deiner Seite. An dieser Frage wird sich der Machtkampf 2011 entscheiden. Wem geben die Bürger die Schuld, wenn die Kompromisse, zum Beispiel bei der Bekämpfung des Defizits, ausbleiben? Wer steht auf der Seite des Volkes und wem geht es nur um die Macht? Bill Clinton gewann dieses Ringen, als die Republikaner 1994 die Kongressmehrheit eroberten. In Obamas Fall ist der Ausgang offen. Christoph von Marschall

» Mehr Politik? Jetzt Tagesspiegel lesen!

8 Kommentare

Neuester Kommentar