US-Präsident und die Medien : Donald Trump liebt die Opferrolle

In der Weltsicht des US-Präsidenten sind die Medien ein Teil des Systems, das er als elitär bekämpft. So wird Donald Trump angeblich zum Opfer dunkler Mächte - und stärkt sich selbst. Ein Kommentar.

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Mehr als 70 Prozent der Republikaner vertrauen Donald Trump mehr als den liberalen Medien. Foto: Reuters/Kevin Lamarque
Mehr als 70 Prozent der Republikaner vertrauen Donald Trump mehr als den liberalen Medien.Foto: Reuters/Kevin Lamarque

Donald Trump lügt. Das wurde oft bewiesen. Von wem? Von den Medien. Fein säuberlich werden seine Aussagen dort regelmäßig mit der Realität verglichen. Das Ergebnis ist für den Präsidenten der Vereinigten Staaten von Amerika verheerend. Ginge es zu wie in der Geschichte von Pinocchio, müsste Trump eine Nase wachsen, die so lang ist wie die Mauer, die er an der Grenze zu Mexiko bauen will.

Doch ihm wächst keine Nase. Das britische Magazin „Economist“ hat das Umfrageinstitut YouGov gebeten, sich unter Republikanern umzuhören. Wem vertrauen sie mehr – Trump oder liberalen Medien wie der „New York Times“, „Washington Post“, CNN? Mehr als 70 Prozent sprachen sich für Trump aus, weniger als 15 Prozent für die genannten Medien. Selbst im Vergleich zu konservativen Presseorganen wie „Weekly Standard“ und „National Review“ schnitt Trump deutlich besser ab. Lediglich der rechtspopulistische Nachrichtensender FoxNews, der in den Einschaltquoten seit langer Zeit vor den Rivalen MSNBC und CNN liegt, wurde von 23 Prozent der Republikaner favorisiert, mehr als doppelt so viele (54 Prozent) votierten indes für Trump. Traurig, aber wahr: Seine Lügen schaden ihm nicht, jedenfalls nicht bei seinen Anhängern.

Woran liegt das? In Trumps Ideologie sind die Medien ein Teil des Systems, das er als korrupt und elitär bekämpft. Weil er es bekämpft, wird er angeblich zu dessen bevorzugtem Opfer. Trumps Waffen dagegen sind der Kurznachrichtendienst Twitter, FoxNews und die rechte Online-Nachrichtenseite Breitbart. Über Twitter erreicht er mit seinem Spin rund 37 Millionen Follower, bei Breitbart sitzt im Chefsessel wieder Steve Bannon, der unlängst das Weiße Haus verlassen musste. „Im Weißen Haus hatte ich Einfluss“, sagt Bannon seitdem, "bei Breitbart habe ich Macht.“

Die traditionellen Medien haben ihre Deutungshoheit verloren

Mit dem Aufkommen des Internets haben die traditionellen Medien ihre Deutungshoheit verloren. Jeder, der will, kann öffentlich wirken – über Blogs, Twitter, Facebook. Der Netz-Philosoph Michael Seemann bezeichnet die Demokratisierung der Öffentlichkeit durch das Internet als „die radikalste Revolution unserer Zeit“. In der neuen, zerklüfteten und deregulierten Medienwelt „generiert jede Wahrheit ihren Echoraum, um ihre Narrative zu züchten“.

Trump hat sich dies meisterhaft zunutze gemacht. Auf inhaltliche Lüge-Wahrheit-Kontroversen lässt er sich nicht ein, sein Fokus richtet sich allein auf die Quelle einer Nachricht und auf deren Image. Klar, die „New York Times“ mag ihn nicht. Deshalb verbreitet sie Lügen über ihn, skandalisiert seine Präsidentschaft, zeiht ihn des Sexismus und Rassismus. Denn die „New York Times“ ist ja Teil der Elite, die er bekämpft, Teil des Establishments, das um seine Macht fürchtet. In diesem geschlossenen ideologischen System beweist jede Kritik an Trump, wie recht er hat mit seinem Feldzug gegen die herrschende Klasse. Die Logik geht so: Wer ihm seine Lügen vorhält, will ihm schaden, wer ihm schaden will, hat Angst vor ihm, wer Angst vor ihm hat, ist Teil des medialen Apparats, der sich von den Erfolgen seiner Gegenöffentlichkeit bedroht fühlt.

Der Paranoide fühlt sich umzingelt von dunklen Mächten

Vor mehr als 50 Jahren, im November 1964, schrieb der amerikanische Historiker Richard Hofstadter im „Harper’s Magazine“ einen Essay über „The Paranoid Style in American Politics“. Die Paranoia bestehe aus Übertreibungen, Verdächtigungen, Verschwörungsphantasien. Sie kann sich gegen Europas Monarchen und den Papst in Rom richten, gegen Mormonen und Jesuiten, gegen Kommunisten (Senator Joseph McCarthy) und Banker, gegen Kosmopoliten und Intellektuelle.

Der Paranoide fühlt sich umzingelt von dunklen Mächten und gleichzeitig als Teil einer Avantgarde, die das Treiben dieser dunklen Mächte durchschaut hat und nun an einem Scheidepunkt der historischen Entwicklung steht, um im Endkampf gegen das absolut Böse siegreich zu sein – oder untergehen zu müssen. Apokalypse now! Der „paranoid style“ in der Politik sei ein internationales Phänomen, meint Hofstadter, doch ließe er sich in den USA am besten illustrieren.

Verschwörungstheorien gab es lange vor dem Internet. Ob Kennedy-Ermordung oder der Tod von Lady-Di, die Mondlandung oder die Terroranschläge an 9/11: Stets will ein verbrecherisches mediales Kartell eine skandalöse Wahrheit vertuschen. Je mehr Macht diesem Kartell angedichtet wird, desto anfälliger wird der Wähler für die Verbreiter radikaler Parolen. Das Internet verstärkt diesen Mechanismus. Das haben Trump und die Seinen früh verstanden.

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