Politik : US-Präsidentenwahlkampf: Gores Unabhängigkeitserklärung (Kommentar)

Robert von Rimscha

Wer Aufmerksamkeit erregen will, veranstaltet eine Premiere. Eben dies hat Al Gore am Dienstag getan, als er Joe Lieberman als seinen Vize-Kandidaten präsentierte. Erstmals steht auf dem Wahlzettel für Amerikas höchstes Regierungsamt nun der Name eines Juden für den Vize-Posten, von dem es stets heißt, der Inhaber sei nur einen Herzschlag von der Präsidentschaft entfernt.

Und, war was? Was genau es zu bedeuten hat, dass eine der beiden US-Großparteien einen Juden nominieren wird, weiß Amerika schlicht nicht. Seit Montag debattiert das Land, ob eine Bresche für die innergesellschaftliche Toleranz geschlagen wurde oder ob Religionszugehörigkeit heute so sehr Privatsache geworden ist, dass Liebermans Kür es nicht verdient hat, zu den großen Premieren gezählt zu werden.

Die Debatte zeigt die Unsicherheiten der USA beim Umgang mit dem Thema. Wird der orthodoxe Jude Lieberman, der am Sabbat beispielsweise keine Elektrizität benutzt, Sonnabends-Weltkrisen im Fernsehen verfolgen? Notfalls den roten Knopf drücken? Klar wird er das. Solche Fragen sind dennoch legitim. Amerika wird sie auch deshalb stellen, weil die meisten ein sehr unpräzises Bild davon haben, was es in der modernen Gesellschaft bedeutet, nicht nur, wie Lieberman, tief religiös zu sein, sondern den alten Glaubensregeln zu folgen. Die meisten seiner amerikanischen Glaubensbrüder sind Reform-Juden; eine Minderheit, wie die Lubavitcher, sind ultra-orthodox.

Dass Amerika mehr Fragen als Gewissheiten hat, ist verständlich. John F. Kennedy war 1960 der zweite Katholik, der sich um das höchste Wahlamt bewarb, und der erste, der gewann. Seine Religionszugehörigkeit war ein heiß diskutiertes Thema. Vor allem im Süden fürchteten die Bürger einen Mann im Weißen Haus, der sich aus Rom Befehle erteilen lassen würde. Amerikaner deutsch-jüdischer Abstammung wie Henry Kissinger sind immer wieder ins Kabinett berufen worden, doch standen ihre Namen nie auf dem Wahlzettel. Gegenwärtig amtiert mit Madeleine Albright eine Außenministerin, die ihre Großeltern im Holocaust verlor, aber katholisch aufwuchs und seit der Hochzeit 1959 zur episkopalischen Kirche gehört.

1984 war Geraldine Ferraro neben Walter Mondale die erste Frau als Kandidatin für die Vize-Präsidentschaft. Mondale-Ferraro verloren auch deshalb, weil Ferraros Qualifikation dürftig war. Ihre Kür schien mehr Premierensucht zu spiegeln denn Solidität. Das ist bei Lieberman anders. Das Entscheidende an dem Senator aus Connecticut ist nicht seine Religion: Lieberman ist eine wandelnde Unabhängigkeitserklärung Gores. Er hat, als erster Spitzen-Demokrat, Bill Clinton wegen seiner Affäre mit Monica Lewinsky kritisiert. Er hat ihn indes nicht aus dem Amt jagen wollen. In beidem hat Lieberman exakt so empfunden und gehandelt wie die übergroße Mehrzahl im Land.

Ein Handicap hat der moderate Zentrist. In etlichen Streitfragen liegt Liebermans Position der von George W. Bush näher als der von Gore. Wie der Republikaner befürwortet Lieberman Gutscheine für Eltern, die ihre Kinder auf Privatschulen schicken wollen. Er tritt ein für die Raketenabwehr NMD, eine Teilprivatisierung der Rente, die verpflichtende Benachrichtung der Eltern Minderjähriger bei Abtreibungen und eine strenge Justizreform gegen die Interessen der Anwaltsvereine, die Großspender der Demokraten sind.

Wie Dick Cheney, der Vize-Kandidat der Republikaner, steht Lieberman für Unabhängigkeit und Integrität. Wie Cheney bringt Lieberman keinen wichtigen Bundesstaat und keine demographische Gruppe zusätzlich ein, da Amerikas jüdische Wähler ohnehin überwiegend für Demokraten stimmen. Er bringt stattdessen eine Positionsbezeugung. Fürs Regieren ist Lieberman besser geeignet als für den Wahlkampf. Doch vor das Regieren hat die Demokratie den Wahlsieg gesetzt.

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