Politik : US-Präsidentschaft: Der unbekannte Bekannte

Robert von Rimscha

Als populistischer Anwalt traditioneller Sachthemen der Demokraten hat sich Al Gore für die US-Präsidentschaft empfohlen. "Wir blättern die Seite um, wir schreiben ein neues Kapitel", sagte der52-Jährige zum Abschluss der Convention seiner Partei in Kalifornien am Donnerstagabend. "Ich bitte um keinen Preis für die Leistungen der Vergangenheit", sagte Gore. "Trotz unserer guten Zeiten bin ich nicht zufrieden." Den meisten Applaus erhielt der amtierende Vizepräsident für den Satz: "Ich stehe hier heute Abend als mein eigener Mann!" Die US-Presse verglich die Ansprache am Freitag mit den Reden Bill Clintons zur Lage der Nation.

Gore präsentierte sich als pragmatischer Macher. Er machte erst gar nicht den Versuch, der eigenen Kampagne einen tieferen philosophischen Sinn zu geben. "Für alle Menschen, vor allem für jene, die eine Stimme brauchen - ich werde für Euch kämpfen!", sagte Gore. Er betonte seine Unterstützung für das Recht auf Abtreibung, für Rassen-Quoten, höhere Mindestlöhne und schärfere Waffenkontrollen. Weitere Themen im Zentrum seines Auftritts waren der Umweltschutz, ein zielgenauer Steuernachlass für die untere Mittelschicht, die Bildungspolitik, die Ausweitung des Krankenversicherungsschutzes für Kinder, Alte und Arme, mehr Rechte gegenüber den Krankenkassen und eine Reform der Parteienfinanzierung. Gore präsentierte mehrfach Durchschnittsfamilien als Kronzeugen für die Notwendigkeit seiner Verbesserungsvorschläge.

"Vielleicht habe ich heute zu viel über Sachthemen gesprochen", räumte Gore zum Ende seiner 50-minütigen Rede ein. "Ich weiß, dass ich nicht immer der aufregendste Politiker bin. Aber ich verspreche Euch, dass ich Euch nie im Stich lassen werde. Die Präsidentschaft ist kein Popularitätswettbewerb!"

Der Gegenkandidat wird nicht erwähnt

In einer knappen außenpolitischen Passage sagte Gore: "Ich will Amerika führen, weil ich Amerika liebe." Amerika sei "das beste Land, das je geschaffen wurde. Diese Nation befreite die Welt von Faschismus und Kommunismus." Gore legte Bekenntnisse zum Internationalismus und zu einem fairen Freihandel ab und sagte, er wolle mit Südamerika und Afrika so eng zusammenarbeiten, wie bislang mit Europa und Asien.

Implizit unterstrich Gore mehrfach den Unterschied zu Clinton. Gore wies darauf hin, dass er sich aus Pflichtgefühl heraus freiwillig für den Vietnam-Einsatz gemeldet habe, obwohl er gegen den Krieg war. Er betonte die Treue in der 61-jährigen Ehe seiner Eltern. Er sagte: "Die wahren Werte im Leben sind nicht materieller, sondern spiritueller Natur, sie beinhalten Glaube, Familie, Ehre, Würde." Er sprach ein Thema an, das aufgrund der engen Verbindungen zwischen der Unterhaltungsindustrie und den Demokraten höchst umstritten ist, als er sagte: "Wir müssen uns eine Populärkultur zur Brust nehmen, die Bösartigkeit statt Werte transportiert." Gore erwähnte seinen Gegenkandidaten George W. Bush nie und Bill Clinton ein einziges Mal.

Facetten aus Gores Leben

Kwasi Mfume, der Vorsitzende des NAACP, der wichtigsten Schwarzenorganisation Amerikas, hatte vor Gores Rede auf dem Podium der Parteiversammlung eingeräumt, dass es "verdammenswerten Antisemitismus" innerhalb der afro-amerikanischen Gemeinde gebe. Dies wurde als Hinweis auf die traditionellen Spannungen zwischen der "privilegierten Opfergruppe" der Juden in den USA und den Schwarzen verstanden. Vize-Kandidat Joe Lieberman, der jüdischen Glaubens ist, wie auch Gore wurden am Donnerstag durch Akklamation ohne Gegenstimmen als Kandidaten der Demokraten offiziell bestimmt. Eine befreundete Bischöfin hatte den Vize-Präsidenten zuvor als "den ersten Vietnam-Veteranen als Präsidentschaftskandidaten" vorgestellt. Über mehrere Stunden hinweg versuchten Freunde und Kollegen aus Gores Studien-, Vietnam-, Reporter- und Kongress-Jahren, den oft als steif und emotionslos Beschriebenen als einen facettenreichen Menschen zu präsentieren. Die "Los Angeles Times" hatte Gores Image-Probleme so beschrieben: "Er ist bekannt, aber niemand kennt ihn."

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