Politik : US-Präsidentschaft: Die Moral fliegt Holzklasse

Robert von Rimscha

Er herzt keine Kinder, knutscht keine Babys und macht keine Witze. Er lächelt nie. Höchstens gequält, wenn er vom Leid der Unterdrückten spricht. Er glaubt, Präsident der Vereinigten Staaten von Amerika werden zu können, weil "niemand diese ganzen Bürokratien so gut kennt wie ich - schließlich habe ich die meisten schon einmal verklagt".

Ralph Nader ist ein Eremit, der seit Jahrzehnten allein in einer Ein-Zimmer-Wohnung im Washingtoner Ausgehviertel Dupont Circle wohnt. Er ist ein Asket, der keine Kreditkarte besitzt, kein Auto und kein Parteibuch - nicht mal das jener Grünen, die ihn gerade fast einstimmig nominiert haben. Ein ehemaliger Punk-Rocker von den "Dead Kennedys" war der einzige Konkurrent.

Grau, groß und hager ist er, unverheiratet, ein Sohn libanesischer Einwanderer. Ein missionarischer Gesellschaftskritiker, Verbraucherschützer und Radikaldemokrat. Ein Rechtsanwalt, basisnah und anarchistisch. Er reist durch Amerika und hält Vorträge, ohne Notizen; die braucht er nach fast 40 Jahren Kampagne nicht mehr.

"Amerika ist eine Meinungsoligarchie", sagt Nader. Er kritisiert, dass das Fernsehen bei politischen Debatten stets einen Clinton-Verteidiger gegen einen Clinton-Kritiker von den Republikanern antreten lässt - doch wo ist der Clinton-Kritiker von links? Vor Gericht will er durchsetzen, dass er im Herbst gegen Gore und Bush debattieren darf.

Der letzte Hot Dog

Nader ist eine Maschine zur Erregung von Aufmerksamkeit. Den Kampf um Wahrnehmung führt er seit 1963. Da war er ein unbekannter 29-jähriger Anwalt. Er trampte mit seinem einzigen Koffer nach Washington, aß seinen letzten Hot Dog (später folgte eine Streitschrift über die hygienischen Mängel der Wurstindustrie) und begann seine Karriere als Verbraucher-Aktivist. Zuvor, an den Elite-Universitäten Princeton und Harvard, hatte er vor allem eines gelernt: das Establishment zu verachten. In Harvard fragte er einmal, warum es keine Kurse zum Nahrungsmittelrecht gebe. Weil hierin keine intellektuelle Herausforderung liege, beschied ihn sein Professor.

1965 kam sein erstes Buch heraus. Nader rügte mangelnde Sicherheitsvorkehrungen in Autos. Daraufhin hetzte ihm der Konzern GM Privatdetektive auf den Hals. Als sie ihm zu einer Anhörung ins Kapitol folgten, wurden sie enttarnt. Nader hatte seinen ersten Skandal, die Presse wurde aufmerksam, der Kongress entdeckte das Thema. Nader war ein Star, und es gab neue Gesetze zur Auto-Sicherheit.

Um Fleisch-Verpackungen und Gas-Pipelines hat sich Nader gekümmert, um Datenschutz, ärztliche Kunstfehler und Strahlenemissionen von Fernsehern. Nader gründete das "Zentrum zum Studium verantwortlichen Rechts". Er konnte schnell aus Tausenden Freiwilligen auswählen und schuf eine Institution, die "eine Mischung aus Wahlkampf-Hauptquartier und Burschenschafts-Haus war", wie ein Kommentator schrieb. In den 70er Jahren kam die "Public Interest Research Group" hinzu, eine Truppe von anfangs nur 13 Anwälten, die Regierungsbehörden verklagen. Ralph Nader selbst wurde "so amerikanisch wie Apple Pie", heißt es. Beruf, Passion und Kreuzzug sind bei ihm dasselbe.

Umweltthemen rückten mehr und mehr ins Zentrum des "Naderismus". Heute streitet Nader auch gegen Damm-Projekte in China und Lesotho, Bananen-Multis in Mittelamerika und gegen den Freihandel. Die bestehenden internationalen Regierungsorganisationen hält er für undemokratisch, deshalb will Nader raus aus der Welthandelsorganisation, ganz wie der rechte Nationalist Pat Buchanan von der Reform-Partei.

Nader ist zu Amerikas bekanntestem Anti-Politiker und Protest-Kandidaten geworden. 1992, bei den Vorwahlen in New

Hampshire, erhielt er 3054 Stimmen. Bill Clinton hatte 42 000 und wurde Präsident. 1996 war Nader erstmals Präsidentschaftskandidat der Grünen. In Kalifornien bekam er 250 000 Stimmen - ohne Wahlkampfauftritte, ohne Fernsehwerbung, ohne Geld.

Das ist diesmal anders. Nader kämpft in Hörsälen und Radiostudios. Und es lohnt sich. In Kalifornien und im Mittelwesten geben ihm Umfragen bis zu zehn Prozent - der Vorsprung von Al Gore, der auf die vielen Wahlmänner aus dem Bundesstaat angewiesen ist, schmilzt. In Kalifornien ist das Milieu der Grün-Wähler nicht anders als im Deutschland der 80er Jahre. Es ist bestimmt von einem städtisch-linksliberalen - und meist weißen - Bildungsbürgertum, von postsozialistischen Intellektuellen aller Hautfarben. Ein paar Ex-Hippies gibt es, Öko-Bauern, Künstler und Studenten.

Die wahre Sensation ist indes Naders Erfolg in Illinois, Michigan, Ohio - Industriestaaten, die Gore gleichfalls gewinnen muss. Ein klassisches Grünen-Milieu gibt es hier kaum, dafür Tausende enttäuschter Arbeiter, die nach zehn Jahren Boom noch immer keine Krankenversicherung haben, gegen Freihandel und die "neue Wirtschaft" der Daten-Pioniere und Dividenden-Profiteure sind. Hier kommt Nader gut an, wenn er der Clinton-Gore-Regierung Verrat an der Arbeiterschaft vorwirft.

Seifenblase der Euphorie

Gebeugt steht Nader auf dem Podium, schaut sein Publikum aus traurigen Augen von unten an und probt mit ein wenig heiserer Stimme Klassenkampf-Parolen: "Entweder das Volk ist souverän - oder das Big Business." Er will, dass es Restaurants gibt, die zu keiner Kette gehören, dass es Farmen in Familienbesitz gibt und Kleinhändler, die gegen das Internet bestehen können, wenn im Cyberspace endlich eine Mehrwertsteuer eingeführt wird.

"Wenn Europäer ihre Zukunft sehen wollen, sollten sie eine Weile hier in Amerika bleiben!", orakelt Nader." Beispiel Werbung. In Colorado Springs haben Unternehmen jetzt durchgesetzt, dass sie an den Wänden der Klassenzimmer aller örtlichen Schulen Anzeigen schalten dürfen. Beispiel Fernsehen. "Die Großunternehmen erziehen unsere Kinder. 30 Stunden pro Woche lassen wir sie mit den Multis allein!"

Amerika lebe "in einer Seifenblase der Euphorie, einer Ideologie der Selbstzufriedenheit". Clinton, sagt Nader, wirbt mit Rekorddaten, aber die Wirklichkeit sieht anders aus. In Kalifornien leben heute offiziellen Statistiken zufolge 25 Prozent aller Kinder in Armut. 1980 waren es 15 Prozent. Sieht so der Fortschritt aus? Wenn man Nader glaubt, vergeudet Amerika seinen Wohlstand im Konsumrausch, statt Schulen und Krankenhäuser zu bauen.

Schönfärberei hat diesem Mann noch nie jemand vorgeworfen. Eine Mehrheit braucht er ja auch gar nicht zu überzeugen. Wenn er weiter damit Erfolg hat, das untere Drittel und die Linksintellektuellen zusammenzubringen, könnte er Gore das Weiße Haus kosten. Das ist zu einem wichtigen Argument gegen seine Kandidatur geworden.

"Nader ist die bisher größte Wahlkampf-Überraschung", meint Paul Gigot vom "Wall Street Journal". Republikaner und Demokraten überbieten sich, seit Clinton die "New Democrats" ausgerufen hat, in Freundlichkeit gegenüber den Unternehmern. "Für die Linke bedeutet das, dass beide Großparteien Republikaner sind, unterscheidbar nur durch ihre Haltung zur Abtreibung", schreibt der Kolumnist Mark Shields.

Freihandel, Kürzung der Sozialhilfe und Steuerrabatte für Aktiengewinne - in der politischen Mitte kommt die Bilanz der Clinton-Ära an. Doch je stärker Gore dorthin rückt, um so mehr Stimmen nimmt ihm Nader links weg. Die Gewerkschaften der Autobauer und der Transportarbeiter drohen inzwischen offen damit, sich für Nader auszusprechen.

Als Nader neulich von einem Treffen mit den Gewerkschaftsführern in South Dakota zurückkam, nahm der militärisch-industrielle Komplex Rache an seinem schärfsten Kritiker. Nader fliegt stets Holzklasse - mit Senioren-Rabatt. Doch der Sitzplatz-Computer hatte ihn in die Erste Klasse katapultiert. Nader protestierte und murmelte etwas von "Scheiße". Nur war unter dem gemeinen Volk kein Platz mehr frei. Mit reuig gesenktem Kopf bestieg Nader schließlich die Plüschzone der Wirtschaftselite.

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