US-Präsidentschaftswahlen : American Mephisto

Mitt Romney, einer der US-Präsidentschaftskandidaten, ist Mormone. Nun hat er in einer Rede seinen Glauben rechtfertigen müssen. Welche Rolle spielt Religion in der amerikanischen Politik?

Christoph von Marschall[Washington]
Mitt Romney
Mitt Romney muss sich wegen seiner Religion rechtfertigen. -Foto: AFP

Das Verhältnis von Religion und Politik ist einer der größten Widersprüche im öffentlichen Leben der USA. Offiziell wird beides streng getrennt, weit strenger als in Deutschland. Undenkbar, dass der US-Staat Religionsunterricht in öffentlichen Schulen anbietet oder Kirchensteuern eintreibt. Und doch sah sich Mitt Romney, einer der führenden republikanischen Präsidentschaftskandidaten, nun gezwungen, sein Verständnis von Religion und Politik in einer Grundsatzrede zu erläutern.

In der Theorie sind die USA säkular, doch in der Praxis spielt Religion eine enorm wichtige Rolle in der Politik. Schwer vorstellbar, dass ein erklärter Atheist Präsident wird. Das Bekenntnis zu einem Glauben, am besten dem Christentum, ist unverzichtbar für einen US-Politiker, der nach oben will. 95 Prozent der Wähler sagen, sie glauben an Gott. Zwei Drittel gehören einer Religionsgemeinschaft an und gehen regelmäßig in die Kirche. Das erwarten sie auch von ihren politischen Führern.

Mitt Romney aber ist Mormone. Seit Beginn seiner Kandidatur wurde spekuliert, ob das nicht ein Hindernis für seinen Sieg sei. Irgendwann, so hieß es, werde er das latente Misstrauen der Wähler durch ein offenes Wort zu seinem Glauben überwinden müssen. Denn die Konservativen sind in der erdrückenden Mehrheit traditionelle Christen – genauer: nicht katholische Christen, sondern Baptisten, Presbyterianer, Anglikaner, Protestanten. Die Mormonen betrachten sie als eine Art Sekte von Häretikern. Schlimmer noch, diese Kirche der Heiligen der letzten Tage ist in ihren Augen streng hierarchisch organisiert. Die Befürchtung lautet, ein Präsident Romney werde sich die Politik von seinen Kirchenoberen diktieren lassen, statt nach Wissen und Gewissen zu entscheiden.

Ein ähnliches Problem hatte 1960 John F. Kennedy, der erste Katholik, der Präsident wurde. Damals hieß es, Kennedy werde vom Vatikan ferngesteuert, diene eher dem Papst als dem amerikanischen Volk. In einer Grundsatzrede konnte Kennedy diese Bedenken zerstreuen.

Romney hatte sich für seine Rede am Donnerstag die Präsidialbibliothek von George H. W. Bush, dem Vater und Vorvorgänger des amtierenden Präsidenten, in Texas ausgesucht. „Ich werde Regierungsgeschäfte und Religion streng trennen“, versprach er im Geiste Kennedys. „Aber ich werde unsere Nation nicht von Gott trennen, der uns die Freiheit geschenkt hat“, bekannte er sich zur gelebten Frömmigkeit der Amerikaner. „Ich werde uns nicht von der religiösen Tradition dieses Landes lossagen.“ Und dann wurde er direkt: „Manche sagen, mein Glaube wird meine Präsidentschaftsbewerbung versenken. Wenn das stimmt, dann soll es so sein.“ Er werde sich jedenfalls „keinem Konfessionstest unterziehen“, denn das verbiete die Verfassung. Sie schreibe die Trennung von Konfession und Religion vor.

Ein Teil seiner Berater hatte sich gegen diesen Auftritt ausgesprochen. Romney liege in den frühen Vorwahlstaaten wie Iowa und New Hampshire auf Siegkurs, sagten sie. Warum also ein Thema öffentlich ansprechen, das die Dinge kompliziere? Doch seine übrigen Berater hielten dagegen: Das Problem lasse sich nicht mehr leugnen. In Iowa, wo die Vorwahlen am 3. Januar beginnen, steht Romneys Sieg plötzlich infrage. Mike Huckabee, der als Kandidat der zweiten Reihe galt, mischt in Iowa nun ganz vorne mit. Huckabee ist ausgebildeter Theologe und hat als Baptistenpfarrer praktiziert. Ihm fliegen die Herzen der konservativen Christen zu, und deren Einfluss ist in Iowa überdurchschnittlich groß. Für Huckabee, der nur begrenzte Wahlkampfmittel hat, ist das bares Geld wert. Er ist dank Mundpropaganda der Kirchengemeinden mit einem Etat von 300 000 Dollar ebenso erfolgreich wie der Multimillionär Romney, der mehrere Millionen allein in Iowa für TV-Werbespots ausgibt.

Romney und Huckabee sind die beiden republikanischen Bewerber der Stunde. In den landesweiten Umfragen liegen sie noch nicht an der Spitze, den Favoritenstatus hat noch Rudy Giuliani, er war während der Terroranschläge 2001 Bürgermeister von New York und ist national bekannt. Doch für die religiöse Rechte ist er ein Graus: mehrfach geschieden, liberal im Abtreibungsstreit und bei Homosexuellenrechten. Romney und Huckabee entsprechen weit mehr dem Ideal der Konservativen: in erster Ehe verheiratet und glaubwürdig gläubig. In den frühen Vorwahlstaaten, wo die Kandidaten intensiv persönlich Wahlkampf führen, lassen sie Giuliani alt aussehen.

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