Politik : US-Präsidentschaftswahlkampf: Regie führt der Zeitgeist (Leitartikel)

Robert von Rimscha

Heute abend lernt Amerika George W. Bush kennen. Dann beantworten Millionen Wähler die Frage, ob sie sich den texanischen Gouverneur als Präsidenten vorstellen können und vier Jahre lang allabendlich per Fernsehen in ihren Wohnzimmern willkommen heißen wollen. Der US-Präsidentschaftswahlkampf tritt mit Bushs Auftritt vor dem Nominierungs-Parteitag seiner Republikaner in die heiße Phase. Es geht um Macht, um das Weiße Haus und um den Kongress. Doch die Art, wie die Republikaner um die Macht ringen, scheint auf seltsame Weise unpolitisch, ja geradezu entrückt zu sein. Ist ausgerechnet Amerikas Rechte einem kanten- und konturlosen Psycho-Gebrabbel zum Opfer gefallen?

Wer Wählerstimmen braucht, motiviert seine Basis üblicherweise durch deftige Parolen und harsche Attacken auf den Gegner, in diesem Falle die Demokraten. Profilschärfung heißt das. Und bietet Bill Clinton nicht genügend moralische Untiefen und Skandale, um auf seine Partei einzuschlagen? Wie kommt es da, dass der Name Clinton von kaum einem Parteitags-Republikaner in den Mund genommen wird, warum geben sich Amerikas Konservative so unkonfrontativ weich? Warum ist Einlullen offenbar wichtiger geworden als Dresche für die Konkurrenz-Partei?

Als die Republikaner unter Newt Gingrich 1994 erstmals seit Jahrzehnten sowohl das Repräsentantenhaus als auch den Senat eroberten, hielten das manche für eine Zeitenwende. Es ist zum peinlichen Zwischenspiel degradiert worden. Heute ist nichts in Amerika so out wie ein Politiker, der angreift, giftig wirkt, sich als Wadenbeisser oder Miesepeter auszeichnet. Die revolutionären Gingrich-Republikaner sind ausgestorben, der versöhnliche Bush-Typus ist an ihre Stelle gerückt. Im post-ideologischen Zeitalter gilt, dass jene Partei die besten Aussichten hat, die sich als wahre Vertreterin des Zeitgeistes darzustellen versteht. Genau dies versuchen die Republikaner. Sie haben es von Bill Clinton gelernt.

Senator Arlen Specter hat es zum Auftakt der "Convention" so ausgedrückt: "Wir sind integrativer gegenüber allen Amerikanern und repräsentativer für ganz Amerika als jede andere Partei!" So hätten es die Republikaner gern, und deshalb auch erinnern sie an stolze Momente der Parteigeschichte wie jene "Convention" 1856 in Philadelphia, die zum Auftakt fuer die Abschaffung der Sklaverei wurde. Selbst der erzkonservative Präsidentschaftskandidat von 1964, Barry Goldwater, wird nun mit dem Satz zitiert: "Die Regierung gehört aus allen Schlafzimmern herausgeschmissen!"

Die Sozialdemokratisierung und New-Age-Schmuserei der Republikaner geht einher mit einer konsequenten Neutralisierung klassisch demokratischer Themen. Niedrigere Steuern, mehr Rüstung, härtere Strafen und keine Abtreibung - dies ist der traditionelle Kanon der Bush-Partei. Diesmal traut man seinen Augen kaum: Bildung, Rente und Krankenversicherung sind ins Zentrum gerückt. Die Partei will sich gegen den Vorwurf der sozialen Kälte isolieren.

Wenn die Republikaner nun versuchen, alles für alle zu sein, bleibt für zwei Dinge kein Platz: für den politischen Gegner und die eigene Vergangenheit. Deshalb tauchen die Namen Clinton und Gingrich nicht auf. Heute abend, wenn all jene US-Bürger, die keine Polit-Junkies sind, sich zum ersten Mal auf den TV-Dialog mit George W. Bush einlassen, wird der Präsidenten-Sohn die Botschaft der Versöhnlichkeit unterstreichen. Ob sie ankommt, hängt vor allem davon ab, ob das Projekt der Demokraten scheitert. Die wissen nämlich längst, wie sie kontern wollen. Das Duo Bush-Cheney für das Weisse Haus sei, so hämmern die Spindoktoren des Gore-Lagers Amerika in den Kopf, die fleischgewordene Antithese zum hehren Ziel des herzlichen Konservatismus. Zwei steinreiche texanische Öl-Männer mit hart-rechten Ueberzeugungen unter der verbindlich-freundlichen Fassade: So sehen es die Demokraten. Dies ist die Frage, die über die Nachfolge Bill Clintons entscheiden wird: Sind die Republikaner ein Big-Business-Wolf im sozial-gefälligen Schafspelz, oder, mit all ihren Widersprüchen, jene Partei, die der verworrenen Seelenlage Amerikas derzeit am präzisesten entspricht?

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