Politik : US-Raketen verfehlen bin Ladens Vize

Angriff in Pakistan galt al Sawahiri / Mindestens 18 Zivilisten getötet / Regierung in Islamabad protestiert

Frank Jansen

Berlin - Der amerikanische Geheimdienst CIA hat offenbar mit einem Luftangriff auf ein pakistanisches Dorf versucht, den Al-Qaida-Vize Aiman al Sawahiri zu töten. Bei der Attacke am Freitag starben 18 Menschen, darunter sechs Kinder. Der Stellvertreter von Osama bin Laden scheint sich aber nach Berichten pakistanischer Sicherheitskreise nicht unter den Toten zu befinden.

Die im Antiterrorkampf mit den USA verbündete Regierung in Islamabad reagierte verärgert. Informationsminister Scheich Rashid Amid versicherte am Sonnabend „dem pakistanischen Volk, dass wir es nicht erlauben, dass sich solche Vorfälle wiederholen“. Dem US-Botschafter wurde eine Protestnote der Regierung überreicht. In der von dem Angriff getroffenen Region Bajaur im Nordwesten protestierten tausende Demonstranten gegen die USA. Das Gebäude einer von Amerikanern finanzierten Organisation wurde in Brand gesteckt.

Die amerikanische Attacke und die folgenden Proteste riefen in deutschen Sicherheitskreisen die Sorge hervor, Pakistan werde weiter destabilisiert. „Die Putschgefahr steigt“, sagte am Sonnabend ein Experte und sprach von einer „hochgefährlichen Situation“. Es sei auch nicht auszuschließen, dass Pakistan einem Bürgerkrieg näher gekommen ist. Unterdessen distanzierte sich das amerikanische Verteidigungsministerium von dem Angriff. Es lägen keine Berichte über Einsatz von Flugzeugen vor, sagte eine Sprecherin des Pentagon.

Die CIA, die dem US-Präsidenten direkt untersteht, hatte offenbar eine Drohne eingesetzt, von der mehrere Raketen abgeschossen wurden. Anfang Dezember scheint bei einem ähnlichen Angriff auf eine Ortschaft in der pakistanischen Provinz Nord-Wasiristan der Abu Hamsa Rabia getötet worden zu sein. Die pakistanische Regierung hatte damals jedoch, offenbar um Unruhen zu vermeiden, von einer Sprengstoffexplosion gesprochen. Später berichteten dann jedoch pakistanische Sicherheitsexperten, Rabia sei beim Angriff einer US-Drohne ums Leben gekommen.

Aiman al Sawahiri war zusammen mit Osama bin Laden nach dem Einmarsch der US-Truppen in Afghanistan im Oktober 2001 nach Pakistan geflohen. Die beiden halten sich wahrscheinlich in den Gebirgsregionen entlang der afghanisch-pakistanischen Grenze versteckt. Die Al-Qaida-Chefs und weitere Kämpfer werden von paschtunischen Stämmen geschützt, die ihre Territorien nahezu unabhängig von der Regierung beherrschen.

Das Regime Musharraf traut sich nur selten, Truppen in dieses Gebiet zu schicken. Als pakistanische Einheiten im März 2004 in Wasiristan ein mutmaßliches Versteck des Al-Qaida-Vizechefs Sawahiri attackierten, kam es zu schweren Gefechten mit Stammesangehörigen und Al-Qaida-Kämpfern. Die Armee zog sich zurück, Sawahiri konnte offenbar durch einen unterirdischen Gang entkommen.

Die pakistanische Regierung unter Präsident Pervez Musharraf hat mehrmals betont, amerikanisches Militär dürfe nicht auf dem Boden des Landes Terrorverdächtige jagen. Die in Pakistan starken Islamisten halten Musharraf jedoch vor, er kooperiere heimlich mit den USA und sei deren Marionette. Bei den Protesten, die nach dem Luftschlag vom Freitag in der Region Bajaur ausbrachen, spielte die islamistische Partei Jemaat-e-Islami offenbar eine führende Rolle. Sie regiert zwei pakistanische Regionen, darunter die Nordwest-Grenzprovinz.

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