US-Republikaner : Geschlagen und gespalten

Wie geht es weiter mit Vizekandidatin Sarah Palin? Ist sie der Sündenbock oder die Zukunftshoffnung? Die US-Republikaner stehen vor einer schwierigen Wahl. Ein Kommentar unseres Washington-Korrespondenten Christoph von Marschall.

Christoph von Marschall
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Was nun? Sarah Palin mit Ehemann Todd.Foto: AFP

In der Niederlage schlägt die Stunde der Abrechnung. Das gemeinsame Ziel des Wahlerfolgs hatte die Republikanische Partei diszipliniert und deren innere Risse überdeckt. Doch nun brechen sich Frustration und aufgestaute Konflikte Bahn. Es ist auch die Stunde der ideologischen Verführer, die einen raschen Ausweg aus der Orientierungskrise versprechen.

Die Republikaner haben das Rennen ums Weiße Haus verloren – und sie haben 20 Sitze im Abgeordnetenhaus und sechs Sitze im Senat an die Demokraten abgegeben. Sie sind zurückgeworfen auf die Minderheitenposition vor der konservativen Revolution von 1994, die ihnen eine zwölfjährige Vorherrschaft im Kongress eingebracht hatte. Schlimmer noch: An ihnen klebt der Ruf von Korruptionsaffären, Machtmissbrauch und Sexskandalen. Die Suche nach den Schuldigen macht die Spaltung unübersehbar. Im Mittelpunkt des Richtungsstreits steht Sarah Palin, die Vizekandidatin. Für die einen ist sie der Sündenbock, sie habe John McCains Chancen, Wechselwähler anzuziehen, zunichte gemacht, weil sie zu ideologisch auftrat und den Lagerwahlkampf mit den Charakterangriffen gegen Barack Obama auf die Spitze trieb.

Für die anderen ist Palin die Zukunftshoffnung. Die 44-jährige Gouverneurin von Alaska habe McCains müden Wahlkampf belebt, die Basis mobilisiert und der Kampagne Millionenspenden und ein Heer freiwilliger Helfer eingebracht. Sie weise somit den Weg zu künftigen Wahlsiegen.

Die beiden Flügel zerren die Partei in gegensätzliche Richtungen. Wollen die Republikaner vor allem eine Programmpartei des moderaten Konservatismus sein: Budgetdisziplin, möglichst wenig Staat, Vertrauen auf die Eigenverantwortung des Individuums, Freihandel und eine möglichst wenig regulierte Marktwirtschaft? Oder konzentrieren sie sich auf „Values“ und Weltanschauungsfragen: Verbot von Abtreibung und Homo- Ehe, Betonung der Religion im öffentlichen Leben und ein moralischer Rigorismus, der die Nation in patriotische, rechtgläubige Republikaner sowie charakterlich unzuverlässige Demokraten teilt?

George W. Bush hatte die Versöhnung der Richtungen versprochen – und beide Flügel enttäuscht. Die Staatsmacht wurde nach 9/11 ausgebaut, die Verschuldung stieg, die ideologischen Zusagen an die religiöse Rechte blieben unerfüllt. McCain repräsentierte den moderaten Kurs, fürchtete aber, dass er ohne den Rückhalt der „Werte-Wähler“ verlieren werde. Deshalb nominierte er Palin. Das trug zu seiner Niederlage bei, der Gegensatz war zu sichtbar.

Die Moderaten sind jetzt führungslos. Und sie haben nur einen langen, mühsamen Weg an die Macht anzubieten: Glaubwürdigkeit und Vertrauen durch konsequente Arbeit und Demut zurückzugewinnen. Sarah Palin bietet eine verlockend einfache Alternative, sie teilt Amerika und die Welt in Gut und Böse ein. Das gibt Halt. Mit ihr können die Republikaner rasch zu einer vordergründigen Geschlossenheit zurückfinden. Eine Mehrheit in ganz Amerika jedoch können sie so nicht gewinnen.

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