Politik : US-Resolution zu Armeniern: Ankara reagiert nervös

Thomas Seibert

Wenn sich die Türkei so richtig über den großen Bruder in Washington ärgert, dann muss Saddam Hussein ran. Lange Jahre hatte Ankara die Beziehungen zum Nachbarstaat und US-Erzfeind Irak auf Sparflamme gehalten, weil die westliche Führungsmacht USA es so wollte. Doch damit soll jetzt Schluss sein. Mit demonstrativen Hilfsflügen nach Bagdad und Plänen zur vermehrten Öleinfuhr aus Irak sowie zur Öffnung eines neuen Grenzübergangs signalisiert die türkische Regierung mitten in der Nahost-Krise eine Annäherung an das Regime Husseins. Selbst die Entsendung eines Botschafters aus dem Nato-Staat Türkei nach Bagdad wird geprüft. Nach offizieller Lesart entspringen diese Gesten lediglich den Eigeninteressen der Türkei. Doch in Wirklichkeit soll die türkisch-irakische Annäherung als Drohung gegen die USA eingesetzt werden. Denn im Kongress von Washington wird derzeit über eine Resolution beraten, die den Tod mehrerer Hunderttausend Armenier in der Türkei im Ersten Weltkrieg als "Völkermord" der Türken geißelt. Ankara will die Annahme dieser Resolution mit allen Mitteln verhindern - und der neue Schmusekurs mit Bagdad ist eines davon.

Clinton ist dagegen

Ein Ausschuss des amerikanischen Repräsentantenhauses hatte vor zwei Wochen einen Resolutionsentwurf verabschiedet, nach dem das Osmanische Reich als Vorgänger der heutigen türkischen Republik für den "Völkermord" an 1,5 Millionen Armeniern zwischen 1915 und 1923 verantwortlich war. Noch ist offen, ob das Plenum der Parlamentskammer der Entschließung zustimmen wird. US-Präsident Bill Clinton ist wegen der zu erwartenden Probleme mit dem Verbündeten Türkei gegen die Annahme der Resolution im Repräsentantenhaus, das sich voraussichtlich in dieser Woche mit dem Thema befassen will. Ankara beobachtet die Gespräche und Verhandlungen der amerikanischen Politiker in Washington mit höchster Nervosität. Regierung, Militärs und Staatspräsident warnten die USA vor der Annahme des Textes, der die Türken auf dieselbe Stufe wie die Nazis und das kambodschanische Pol-Pot-Regime stellen würde.

Türkei bestreitet Völkermord

Von der Türkei wird nicht bestritten, dass den Armeniern während des Ersten Weltkrieges unendliches Leid zugefügt wurde, als sie nach Syrien deportiert wurden. Zwar schätzt die offizielle türkische Geschichtsschreibung die Zahl der Opfer dieser Zwangsmärsche mit rund 300 000 erheblich niedriger als armenische Historiker, doch bildet auch dies nicht den eigentlichen Streitpunkt. Den Türken geht es um den Vorwurf des Völkermordes. Ankara weist stets darauf hin, dass sich das Osmanische Reich im Krieg mit Russland befand. Weil armenische Partisanen hinter den osmanischen Reihen als Verbündete der Russen kämpften, habe das Reich mit den Deportationen der Armenier in Selbstverteidigung gehandelt. Dies seien zwar "tragische Ereignisse" gewesen, betont etwa das Außenministerium, aber kein Völkermord.

Mit dem Hinweis, die türkischen Archive stünden auch für armenische Historiker offen, versuchte Ministerpräsident Bülent Ecevit, das Thema etwas zu entschärfen. Doch im Falle eines Ja des Repräsentantenhauses zum Resolutionsentwurf wird es dabei nicht bleiben. Die frühere Ministerpräsidentin Tansu Ciller schlug vor, die südtürkische Luftwaffenbasis Incirlik für US-Kampfjets zu sperren, die von dort aus das Flugverbot über dem Norden Iraks überwachen. Ciller will sogar noch weitergehen: Sie forderte, auch eine Deportation mehrerer zehntausend armenischer Gastarbeiter aus der Türkei müsse erwogen werden.

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