Souveränitätsrechte spielten für die Amerikaner keine Rolle

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US-Soldat als Stasi-Spitzel : So gehen die USA mit Verrätern um
Jens Karney - er benutzt auch weiterhin seinen Stasi-Namen.
Jens Karney - er benutzt auch weiterhin seinen Stasi-Namen.Foto: Barbara Junge

„Sie folgten mir, natürlich wusste ich da, was kommen würde. Irgendwann musste es ja so weit sein“, erinnert sich Karney heute.

„Das Subjekt drehte sich sechs- oder achtmal um“, notierte Special Sergeant Jeffrey Hawkins.

Plötzlich verlor der Dritte im Greiftrupp-Kommando, Special Sergeant Thomas McBroom, „das Subjekt“ aus dem Blick und begann zu rennen. Alle begannen zu rennen, bis auf Karney. Der drehte sich um und wartete, bis die Jäger ihn fassten. Einen Tag später flogen die Amerikaner ihren wertvollen Fang über Tempelhof und Frankfurt nach Washington aus. Deutsche Behörden waren an der Entführung nach heutigem Erkenntnisstand weder beteiligt noch über sie informiert.

Souveränitätsrechte, die Deutschland mit der Einheit errungen hatte, spielten für die Amerikaner keine Rolle. Doch auch im Nachhinein hat die Bundesregierung nur leise protestiert. Karneys Bemühungen, die bundesdeutsche Staatsbürgerschaft zu erlangen, nachdem die DDR ihm ihre doch geschenkt hatte, wurden zudem preußisch korrekt abgelehnt. Eine deutsche Identität steht Karney, den alles Deutsche schon seit seiner Kindheit fasziniert und dessen Deutsch heute noch berlinerisch klingt, nicht zu.

Die Bescheide stecken noch alle in seinem Aktenkonvolut, aus dem er inzwischen auch ein Buch gemacht hat. Seine Memoiren „Against All Enemies“ sind im August 2013 erschienen.

Die Air Force interessierte sich für den sprachbegabten Jungen

Als knapp 17-Jähriger hatte sich Jeffrey Carney mehr zufällig bei der Air Force gemeldet. Er wollte nur weg aus Cincinnati, weg vom emotional brutalen Vater und einer Mutter, die sich immer wieder quälen ließ. Aber die Rekrutierungsleute der Armee waren nicht da, als Jeffrey vor deren Tür stand. Dafür aber ein Anwerber der Air Force im Büro nebenan. Der interessierte sich für den extrem sprachbegabten Jungen. Und so kam es, dass die Air Force Carney nach der Grundausbildung als Abhörspezialist in Berlin einsetzen sollte.

Für wen er dort noch arbeiten würde, erfuhr Carney erst, als er am 21. April 1982 den Fuß erstmals auf deutschen Boden setzte: „Die NSA war unser Pate“, erinnert er sich heute noch mit einer Mischung aus Ehrfurcht und Schaudern. Die Air Force arbeitete der National Security Agency auch von Berlin aus zu. Und wie heute hatte auch in den 80er Jahren die Abkürzung NSA einen allmächtigen, geheimnisvollen Klang. Von da an saß Carney mit seinen Kopfhörern an einem Pult in Berlin-Marienfelde und hörte, wie sich die DDR-Flieger verständigten. Mal hat er mitgeschnitten, mal nur Notizen gemacht. Was mit den Informationen geschah, war dann nicht mehr seine Sache.

Was dann folgt, erinnert sehr an die innere Not Bradley Mannings: Ein junger schwuler US-Soldat spürt die Verachtung seiner Kameraden. Er sieht sich als Person in die Enge getrieben, und dann stößt er auf Dinge, die ihm politisch wie persönlich nicht behagen. Die Hubschrauberhetzjagd auf Unbewaffnete in Bagdad war es, die Manning aufgewühlt hat, Provokationsflüge der Amerikaner am Eisernen Vorhang machten dem jungen Carney Angst, sie könnten einen Atomkrieg auslösen.

Der Verrat wird zu einem Ventil.

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Ein Schaden in Höhe von 14,5 Milliarden Dollar

Nachtschicht um Nachtschicht machte sich Carney künftig vom US-Quartier in Berlin-Tempelhof am frühen Abend mit dem Fahrrad auf, um eine präparierte Lipton-Eistee-Dose abzuholen. Im hohlen Boden konnte er eine schwarze Minox-Kamera und Filme transportieren. Während der Schicht fotografierte er Dokumente oder stahl Originale. Am nächsten Morgen übergab er sie dann seinem DDR-Kontaktmann oder brachte sie zu einem toten Briefkasten im Wald. Carney brachte Trainingshandbücher für Abhörspezialisten, gab einen ungeschützten Telefonverteiler der US-Streitkräfte im Berliner Grunewald preis und informierte den Ostblock über Pläne des Westens gegen die Kommunikationsinfrastruktur des Ostens.

Auch als Carney nach Ablauf seiner zwei Jahre in Berlin nach Texas zurückversetzt wurde, betrieb der Spion seine Dienste für das sozialistische Deutschland weiter. Von der Goodfellow Air Force Base aus brachte er seine Berichte persönlich über die Grenze zu einem Stasi-Kontaktmann nach Mexiko. Später wird es heißen, Carney habe der US-Armee einen Schaden in Höhe von 14,5 Milliarden Dollar zugefügt.

Noch mehr als in Berlin aber fühlte sich Carney in Texas wie ein Fremder. Psychisch stark angeschlagen setzte er sich im Herbst 1985 deshalb unerlaubt von seiner Truppe ab und klopfte bei der DDR-Botschaft in Mexiko an. Über Kuba wurde Carney nach Ost-Berlin zurückgebracht und später, als er sich erholt hatte, dort als Abhörspezialist gegen die Amerikaner eingesetzt. Bis das Ministerium für Staatssicherheit zu existieren aufhörte und aus dem Air-Man Jeffrey Carney der U-Bahnfahrer Jens Karney wurde.

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Karney ist nicht angekommen

In einer kleinen Einfamilienhaussiedlung im Norden von Dayton steht Karney vor seinem Haus. Er zeigt es, leicht verschämt. Dem Besucher erlaubt er nur einen Blick von außen auf den Bungalowbau aus roten Klinkern. Er teilt sich das Haus mit anderen Ex-Gefangenen, deshalb will er nicht hineinführen. Wegen der Privatsphäre meint er. Im Gefängnis hatte ihn ein Air-Force-Offizier angeschrieben. Einer, der sich aus christlichen Motiven der gefallenen Seelen annimmt. In dessen Haus lebt Karney jetzt und hat die Rolle des Hausmeisters. Einen Adoptivsohn aus schwierigen Verhältnissen hat er auch bei sich aufgenommen. Aber Karney, wie er da steht, wirkt nicht wie einer, der angekommen ist. Er liebe sein Land. Nichts wünsche er sich sehnlicher, „als in Amerika wieder zu Hause sein zu können“. Aber: einmal Spion, immer Spion. Diese Lektion hat Karney gelernt. „Du kommst irgendwann raus. Aber es ist nie vorbei.“

Von seinem Heim aus fährt Karney in Richtung Süden den Brandt Pike entlang. Zehn Autominuten entfernt liegt das National-Air-Force-Museum, drei riesige graue Hangars. Die Hallen sind vollgestopft mit Bombern aus all den Kriegen, die die Vereinigten Staaten geführt haben. Im zweiten Hangar ist ein Trakt, den Karney regelmäßig besucht. Ein Foto zeigt ihn in Lebensgröße, zwei Stelltafeln erzählen seine Geschichte. „Unglücklicherweise haben auch Angehörige der Air Force gegen die Vereinigten Staaten spioniert“, steht hier in einem großgedruckten Text. „Der Fall von Jeffrey M. Carney ist ein Beispiel, wie Menschen in Versuchung kommen können, sich gegen ihr eigenes Land zu wenden.“

Zumindest sein Platz in der Geschichte ist Jens Karney mittlerweile zugewiesen worden.

Dieser Text erschien auf der Dritten Seite.

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