US-Vorwahlen : "Hillary Clinton hat bessere Chancen"

Die Amerikaner sind reif für eine Frau als Präsidentin, sagt Andreas Etges, Professor für Nordamerikanische Geschichte an der FU Berlin. Ein Gespräch über die Bedeutung von New Hampshire, die Chancen der Demokraten und Tränen im Wahlkampf.

Sylvia Vogt

Hillary Clinton hat die Vorwahlen der Demokraten in New Hampshire gewonnen. Überrascht Sie das?



Nein, überhaupt nicht. Ich habe mich eher über die Berichterstattung nach der Vorwahl in Iowa gewundert. Nach seinem dortigen deutlichen Sieg wurde Barack Obama von der Presse schon zum Wahlsieger erklärt, und Hillary Clinton gefragt, ob sie überhaupt noch weiter machen will.

Dennoch lag Clinton ja zuletzt in allen Umfragen hinter Obama.

Wenn Iowa nicht gewesen wäre, hätte man den gestrigen Tag als Sieg für Obama und als Schwäche für Clinton gewertet, weil der Abstand zwischen den beiden so gering war. Jetzt wird dagegen von einem Comeback für Clinton und einer Niederlage für Obama gesprochen. In Wirklichkeit ist das Rennen noch völlig offen.

Warum sind die Vorwahlen in New Hampshire so wichtig? Kandidaten, die dort punkten konnten, machten am Ende oft das Rennen in ihrer Partei. Zum Beispiel Al Gore und John Kerry bei den Demokraten oder George Bush senior bei den Republikanern.

Iowa und New Hampshire sind die Staaten, in denen als erstes gewählt wird. Deshalb geht von ihnen eine Signalwirkung aus. In beiden Staaten gibt es außerdem eine große weiße Wählerschicht, die auch weiterhin eine wichtige Rolle spielen wird. Gerade für die Demokraten ist New Hampshire ein Gradmesser. Iowa ist dagegen eher ein Sonderfall.

Warum?

Dort wird nach einem speziellen Verfahren gewählt, dem sogenannten Caucus, bei dem nur Parteimitglieder in bestimmten Versammlungen abstimmen dürfen. Bei den Republikanern gibt es in Iowa außerdem eine starke religiös-konservative Wählerschaft, die nicht gerade repräsentativ ist. In New Hampshire war dagegen zum ersten Mal eine breite Wählerschaft aufgerufen.

In New Hampshire gab es eine Rekordwahlbeteiligung. 1,3 Millionen Einwohner hat der Ostküstenstaat, über 500.000 davon gingen zur Wahl. Wie kommt das?

Der Vorwahlkampf hat sehr früh begonnen und die Wechselstimmung in den USA ist sehr groß. Seit Jahrzehnten ist zum ersten Mal in beiden Parteien das Rennen völlig offen. Es gibt keinen Amtsinhaber oder Vizepräsidenten, der antritt. Die Menschen wollen eine andere Regierung und sind deshalb leichter zu mobilisieren. Barack Obama hat es geschafft, besonders die jungen Leute an die Urnen zu locken. Hillary Clinton konnte viele Frauen motivieren.

Hat es ihr geholfen, dass Clinton kurz zuvor auf einer Wahlkampfveranstaltung Tränen vergossen hat? Es wurde ja spekuliert, dass dieser Gefühlsausbruch kalkuliert war.

Hillary Clinton kann ihre Gefühle normalerweise perfekt kontrollieren. Dennoch halte ich den Auftritt für durchaus authentisch. Auf ihr lastet ein unglaublicher Druck. Die Tage nach Iowa waren wahrscheinlich die schwierigsten in ihrer politischen Karriere. Deshalb glaube ich, dass sie ehrlich enttäuscht und erschöpft war. Geschadet hat es ihr aber auf keinen Fall.

Die Szenen wurden im amerikanischen Fernsehen immer wieder gezeigt.

Hillary Clinton erscheint darin verletzlich, aber im positiven Sinne verletzlich: als ein Mensch, der auch angreifbar ist. Das macht sie sympathischer. Viele Wähler - und insbesondere Frauen - wussten danach: jetzt kommt es wirklich darauf an. Denn wenn Clinton in New Hampshire schlechter abgeschnitten hätte, wäre die Dynamik des Wahlkampfs für sie viel schwieriger geworden.

Läuft es bei den Demokraten jetzt auf einen Zweikampf zwischen Hillary Clinton und Barack Obama hinaus oder hat John Edwards auch noch Chancen?

Ich glaube, dass Edwards kaum noch Chancen hat. Der Wahlkampf geht jetzt in den amerikanischen Süden. Wenn Edwards dort nicht punkten kann, ist er aus dem Rennen. Entscheidend wird letztlich aber der Super Tuesday am 5. Februar sein, wenn in 24 Bundesstaaten gewählt wird. Ich kann mir vorstellen, dass Edwards danach aufgeben wird.

Wem räumen Sie größere Chancen ein, Clinton oder Obama?

Ich persönlich räume Hillary Clinton etwas größere Chancen ein. Sie hat sehr viel Geld gesammelt und ein großes erfahrenes Wahlkampfteam. Und sie hat in ihrer eigenen Karriere und an der Seite ihres Mannes schon eine Reihe von politischen Niederlagen und enorm viel Gegenwind erlebt. Sie weiß, was Wahlkämpfe bedeuten.

Ist Barack Obama noch zu unerfahren?

Barack Obama ist einfach noch nicht so lange dabei. Für ihn könnte das Gefühl nach New Hampshire eine ganz neue Erfahrung sein. Nämlich einmal nicht der Sunnyboy zu sein, der problemlos einen Durchmarsch machen kann.

Und wer hätte größere Chancen, gegenüber den Republikanern zu bestehen?

Auch da sehe ich leichte Vorteile für Clinton. Obama kann wahrscheinlich neue und junge Wähler anziehen. Für das Präsidentenamt kommt es aber auch auf Erfahrung an, und wem die Wähler eher zutrauen, den vielfältigen Herausforderungen dieses Amtes gewachsen zu sein.

Sind die Amerikaner bereit für einen schwarzen Präsidenten?

Das glaube ich schon. Ob sie allerdings auch bereit für Barack Obama sind, ist eine andere Frage. Noch vor ein paar Monaten sah das überhaupt nicht danach aus. Colin Powell hätte dagegen vor ein paar Jahren sicherlich auch als Kandidat gute Chancen gehabt.

Und eine Frau im Präsidentenamt?

Auch damit haben die Amerikaner meiner Meinung nach keine Probleme. Aber ob sie gerade eine Clinton wollen, steht auf einem anderen Blatt. Sie hat eine starke konservative Gegnerschaft. Falls sie Kandidatin wird, können wir uns auf einen vehementen Anti-Clinton-Wahlkampf seitens der Republikaner einstellen.

Ein Wort zu den Republikanern. Dort ist das Rennen ja noch völlig offen.

Mike Huckabees Triumph in Iowa war ein Sonderfall, der mit der besonderen christlich-konservativen Wählerschaft dort zusammenhängt. Er wird im weiteren Verlauf keine Rolle mehr spielen. Bei den Republikanern kristallisiert sich ein Dreikampf zwischen John McCain, Mitt Romney und Rudy Giuliani heraus. Entscheidend wird auch hier der Super Tuesday sein.

Welche Rolle spielt der amtierende Präsident George W. Bush?

Die republikanischen Kandidaten sind darauf bedacht, ihm nicht zu nahe zu stehen. Aber keiner traut sich, ihn offen zu kritisieren. Selbst der moderatere John McCain, der Bush im Vorfeld wegen Guantanamo und Folter-Methoden angegriffen hat, hat sich ihm inzwischen wieder ein Stück weit angenähert.

Wie kommt das?

Das hängt mit dem amerikanischen Wahlsystem zusammen, bei dem es keine Koalitionen gibt und deshalb jede Partei ein sehr breites Wählerspektrum ansprechen muss, um Mehrheiten zu finden. Die Republikaner müssen also sowohl ultrarechte, religiös-konservative Wähler ansprechen als auch moderate, fast sozialdemokratische Wähler. Vor diesem Problem stehen alle republikanischen Kandidaten. Sie vollführen mitunter die erstaunlichsten Wendungen.


Andreas Etges ist Professor für Nordamerikanische Geschichte am John-F.-Kennedy-Institut der Freien Universität Berlin.

Das Gespräch führte Sylvia Vogt.

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