US-Wahl 2016 : Das Volk ist naiv und verführbar

Sollte Hillary Clinton die nächste US-Präsidentin werden - und Donald Trump "Betrug" brüllen -, gibt es einen skurrilen Fall, in dem man die Wut des Republikaners verstehen könnte. Ein Kommentar.

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Das Land ist in keiner guten Verfassung.
Das Land ist in keiner guten Verfassung.Foto: AFP

Betrug ist ein Verstoß gegen Regeln. Man kann die Regeln einer Wahl für falsch halten, aber so lange sie gelten, bestimmen allein sie, wer diese Wahl gewinnt oder verliert. Was wie Betrug nur aussieht, aber sich eindeutig im Rahmen der festgelegten Gesetze bewegt, ist kein Betrug.

In Amerika wird derjenige Präsident, der die Stimmen der meisten Wahlmänner erhält. Es ist keine direkte, sondern eine indirekte Wahl. Sie wurde eingeführt, weil die Gründungsväter ein gewisses Misstrauen hegten gegen die „irrationalen Leidenschaften des Volkes“, wie es damals hieß. Den Urwählern wurden Naivität und Verführbarkeit unterstellt. Außerdem ist das Wahlmännersystem ein Kompromiss zwischen jenen, die dafür plädierten, dass der Präsident ausschließlich vom Kongress gewählt wird, und jenen, die das Volk direkt entscheiden lassen wollten.

Das Besondere an den Wahlmännern: Sie haben kein imperatives Mandat. Zwar wird ihnen in 26 der 50 Bundesstaaten entweder durch entsprechende Gesetze oder einen Eid, den sie vor der Partei ablegen müssen, ihr Wahlverhalten vorgeschrieben. Aber sie könnten, rein theoretisch, dagegen verstoßen, ohne dass ihre Stimme dadurch ungültig würde. In der amerikanischen Geschichte haben sich bislang mehr als 99 Prozent der Wahlmänner an die Vorgaben gehalten, kein einziger wurde bisher als „faithless Elector“ angeklagt.

Doch in diesem Jahr könnte vieles anders sein, zumindest muss – wie der gesamte Wahlkampf gezeigt hat – in jedem Stadium bis zur Inauguration auch mit Kuriositäten und Kapriolen gerechnet werden. Es ist möglich, dass Donald Trump mehr Stimmen bekommt als Hillary Clinton, aber die Demokratin die Mehrheit im „Electoral College“ hat. So war es, mit umgekehrtem politischem Vorzeichen, im Jahr 2000, als George W. Bush gegen Al Gore gewann. Es gibt insgesamt 538 Wahlmänner (und –frauen), wer von mindestens 270 gewählt wird, ist Präsident (oder Präsidentin).

Ein oder zwei Trump-Wahlmänner könnten ihr Gewissen entdecken

Möglich ist aber auch, dass Trump sowohl die absolut meisten Stimmen bekommt als auch eine ganz knappe Mehrheit der Wahlmänner auf sich vereint – Clintons „blaue Mauer“, mit der sie bislang zuverlässig auf 273 Wahlmännerstimmen kommt, umfasst zum Beispiel einen Wackelstaat wie Colorado, wo sie in den Umfragen nur noch sehr knapp vor Trump liegt (außerdem steht New Hampshire auf der Kippe) -, und plötzlich einer oder zwei dieser Pro-Trump-Wahlmänner sein Gewissen entdeckt und Trump die Stimme verweigert oder mit ihr gar für Clinton votiert. Dann könnte sie, trotz der doppelten Niederlage im Volk und bei den Wahlmännern, Präsidentin werden.

Normalerweise sind die Wahlmänner brave, lang gediente und zuverlässige Parteisoldaten, von denen keine Rebellion zu erwarten ist. Aber Trump hat nicht nur Freunde in seiner Partei. Viele Republikaner werfen ihm vor, ein Spalter zu sein. Deshalb reizt das Undenkbare, Niedagewesene und höchst Unwahrscheinliche zu einem solchen kleinen Gedankenexperiment.

Na klar, Trump und seine Anhänger würden in einem solchen Fall laut „Betrug“ brüllen. Aber Betrug, siehe oben, ist ein Verstoß gegen Regeln. Gefühlte Ungerechtigkeit, so klar und einleuchtend ihre Gründe sein mögen, reicht nicht aus.

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