Politik : US-Wahl: Der eine fährt Jeep, der andere geht ins Kino

Thomas Müller

Die elf Wochen zwischen der Wahl und der Amtseinführung sind für die neu gewählten US-Präsidenten die Zeit, in der sie sich intensiv auf ihre neue Aufgabe vorbereiten und wichtige personelle Entscheidungen treffen. Für Al Gore und George W. Bush stellen zumindest die ersten zwei Wochen vor allem ein langes, nervenaufreibendes Warten dar. Beide verbringen ihre Zeit auf sehr unterschiedliche Weise.

Vizepräsident Al Gore hielt sich seit der Wahl fast ausschließlich in Washington auf, wo er die meiste Zeit mit Arbeit verbrachte und die Vorgänge in Florida genau verfolgte. Er bestand darauf, über jeden einzelnen juristischen Schritt informiert zu werden, und informierte seinerseits die Führung der Demokraten im Kongress sofort über alle größeren Entwicklungen.

Zwischendurch zeigte sich auch der "private" Gore. So ging er zusammen mit Frau Tipper, seinem "Vize" Joe Lieberman und dessen Frau Hadassah in Washington ins Kino, um bezeichnenderweise den Film "Men of Honor" zu sehen, oder er tauchte abends plötzlich in Washingtons Szeneviertel Dupont zu einem späten Abendessen auf. Einige Tage später spielte er mit seiner Familie im Garten seiner Residenz vor den Kameras der Nation etwas unbeholfen Ball.

Der texanische Gouverneur Bush präsentierte sich in der langen Wartezeit wie schon während des Wahlkampfes deutlich lässiger. In den ersten zwei Tagen "probte" er in einer Nachbildung des Oval Office in seinem Haus das Regieren, dann zog er sich für eine Woche auf seine Ranch in der Nähe von Waco zurück, wo er nicht einmal die großen Nachrichtensender empfangen konnte.

Die tägliche Arbeit überließ er seinem Team, darunter Ex- Außenminister James Baker, die ihn zwei oder drei Mal am Tag per Telefon oder E-Mail auf den neuesten Stand brachten. Am Freitagabend kehrte Bush dann in seinem Jeep in seine Residenz in der texanischen Hauptstadt Austin zurück, wo er am Samstag die Verkündung seines Sieges in Florida feiern wollte. Doch auch als aus der Feier nichts wurde, machte Bush gute Mine zum bösen Spiel und winkte gut gelaunt und gewohnt locker seinen Anhängern zu, die vor seiner Residenz im Regen ausharrten und ihn feiern wollten. Sein Beraterstab ließ unterdessen den großen Ballraum in Austins luxuriösem "Four Seasons Hotel", der seit Tagen für die Siegesfeier gebucht war, weiterhin reservieren.

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