US-Wahl : Harlem freut sich über Obama-Sieg

Im New Yorker Stadtviertel Harlem, Mekka des schwarzen Amerika, ist die Freude über den ersten schwarzen US-Präsidenten groß. Und doch mischt sich auch Angst in die euphorische Verehrung für den Demokraten Barack Obama: Zu oft schon sind Träume zerplatzt.

Sebastian Moll
Harlem Neighborhood Of New York City Prepares For Historic Election
Obama-Plakat in HarlemSPENCER PLATT (GETTY IMAGES NORTH AMERICA)

New YorkAls Ohio für Barack Obama ausgezählt ist, bittet der junge Pastor zum Gebet. Knapp 2000 Gläubige danken dem Herrgott, dass ein schwarzer Amerikaner Geschichte schreiben wird. Hier, mitten in Harlem, in der First Corinthian Baptist Church, wird den ganzen Wahlabend über gefeiert und gesungen. Aber es geht nicht nur fröhlich zu, denn die Gemeinde hat viele Schwarze aus dem Süden eingeladen, die Geschichten von Rassismus und Apartheid erzählen. Diese Geschichten machen deutlich, sagt der Pastor, wie lang und steinig der Weg der Farbigen im Land war. Die narbenvolle Geschichte ist auch der Grund für die Zurückhaltung vieler Harlemer. Schon in den Tagen vor der Wahl konnten die Besucher das in der Kirche spüren.

Gospelgottesdienste in Harlem sind weltberühmt, und am vergangenen Sonntag war die Gemeinde der First Corinthian Baptist Church noch euphorisierter als sonst. Die 1700 Gläubigen, die das Gotteshaus in dem verschnörkelten ehemaligen Filmtheater an der 116. Straße füllten, sprangen von ihren Sitzen, tanzten, klatschten und sangen mit dem bald hundertköpfigen Chor. „Oh Lord – bring change“ – „Oh Herr – bringe Wandel“, schallte es bis auf die Straße. „Dienstag wird ein Tag der Freude“, befeuerte der Chorleiter die Versammlung, die hier, im Herzen des schwarzen Amerika, schon zwei Tage vor der Wahl den ersten schwarzen Präsidenten zu feiern schien.

Pastor Michael Walrond war das zu voreilig. Als die Musik verhallte und die Gemeinde wieder Platz genommen hatte, trat er mit ernster Miene an die Kanzel und hob zu einer mahnenden Predigt an. „Nur Gott bringt die Erlösung“, bremste er den Enthusiasmus. „Diese Wahl ist ein Zeichen, dass Gott sich bewegt, aber kein gewählter Politiker wird euch erlösen.“ Niemand solle glauben, dass mit Barack Obama für die Schwarzen in Amerika alles gut wird. Im Gegenteil – was für die einen eine gute Nachricht sei, sei für andere eine schlechte Nachricht, diese Wahl werde neue Feinde erzeugen. Der Rassismus in Amerika, das ist die Botschaft des Pastors, der in Jeans vor seiner Gemeinde steht, sei mit Obama nicht überwunden.

Harlem unterliegt in den Tagen vor der Wahl massiven Gefühlsschwankungen. Von einem Augenblick zum nächsten kann die ekstatische Vorfreude auf einen historischen Triumph von Obama in tiefe Skepsis kippen, ob das wirklich alles wahr ist, oder, wie bei Pastor Walrond, in äußerste Vorsicht, was die Erwartungen an Obama angeht. Das schwarze Amerika, von Jahrhunderten der Enttäuschungen traumatisiert, tut sich nicht leicht mit der Art ungetrübter Hoffnung, von der Obama so viel spricht.

Leah Settepani etwa hat Angst. Die äthiopischstämmige Besitzerin eines Cafes an der Lenox Avenue, nur drei Straßen von der First Corinthian Church entfernt, wollte nicht an einen Obama-Sieg glauben. „Ich habe in einem weißen Vorort gelebt, bevor ich wieder hierher gezogen bin“, erzählt sie am Spätherbstsonntag. „Das waren alles wohlhabende und gebildete Leute.“ Und trotzdem hätten sie und ihre Kinder ein schockierendes Ausmaß an Rassismus erfahren.

Deshalb hat Leah kein großes Vertrauen in die Umfragen. Sie ist Anhängerin der These, dass die Leute im Verborgenen der Wahlkabine etwas anderes tun werden, als das, was sie offen zugeben. Weil sie so pessimistisch ist, hat Leah am Dienstag schon nachmittags ihr Cafe geschossen. „Wenn McCain gewinnt, wird es hier in Harlem Mord und Totschlag geben. Die Leute werden ihrem Zorn freien Lauf lassen.“ Da zog sie lieber die Rollläden herunter und ging nach Hause.
 
An der 125. Straße, der Hauptschlagader Harlems, hat Obama Hochkonjunktur. Der Bürgersteig der 125. gehört traditionell den Straßenhändlern. Alle paar Meter ist ein Stand – CDs, DVDs, Bücher von Martin Luther King, Duftessenzen oder Pflegemitteln für krauses Haar. Kurz vor der Wahl wurden aber fast nur noch Obama-Artikel angeboten: T-Shirts mit Obama-Aufdrucken und Buttons liegen aus, einer hat zu einem Foto von Obama ein Gedicht geschrieben und das Werk vervielfältigt sowie gerahmt. „You’re the Bomb“ – Du bist die Wucht, heißt das Stück.

In einem kleinen Ladenbüro bietet die Firma „Welcome to Harlem“ Stadtteilrundgänge an. Das Fenster ist allerdings auch schon seit Wochen mit Obama-Material zugeklebt: Wahlkampfschilder, Zeitungsartikel, Informationen über örtliche Veranstaltungen der Obama-Anhänger. „Wir brauchen dringend etwas anderes, etwas Neues“, sagt Rita, die Besitzerin des Unternehmens, eine kleine Frau mit einer riesigen Ballonmütze aus Tweed. Rita meint damit vor allem die Rassengegensätze in Amerika: „Es darf nicht mehr so viel hierum gehen“, sagt sie und streicht sich dabei mit der Hand über ihr dunkelbraunes Gesicht. Allerdings hat auch sie noch Bedenken, ob Obama auch wirklich gewählt wird und nicht noch irgendetwas dazwischenkommt. „Bete mit uns für ihn, Bruder“ gibt sie dem Besucher mit auf den Weg.

Das Schaufenster des Hue-Man-Buchladens am Powell Boulevard ist restlos mit Exemplaren der beiden Bücher von Obama gefüllt – „Ein amerikanischer Traum“ und „Hoffnung wagen“. Hoffnung scheint in Harlem tatsächlich ein Wagnis zu sein. Die Erfahrung der Enttäuschung ist tief in der kollektiven Wahrnehmung des schwarzen Amerika verankert, ein besseres Leben, bessere Zeiten erscheinen zu unwahrscheinlich, der Glaube daran gefährlich. Und doch wagen sich viele zumindest zaghaft auf dieses Terrain. 40 bis 50 Exemplare von Obamas Buch verkaufe sie jeden Tag, sagt die Besitzerin von Hue Man, Marva Allen.

Sie selbst, erzählt Allen, eine überaus herzliche schwarze Frau um die 50, halte es mit der Hoffnung so: „Es wäre idiotisch zu glauben, dass Obama alle unsere Probleme löst“, sagt sie. Hoffnung sei für sie weniger konkret – sie sei eher ein unbestimmter Zielpunkt. Was Obama anbiete, sei doch nicht das Versprechen, dass alle Wünsche erfüllt und alle Nöte gelindert würden, sondern lediglich die Möglichkeit, dass die Dinge besser werden könnten. „Und das ist schon viel mehr, als das, was wir jetzt haben.“

Die Furcht, dass doch noch irgendetwas dazwischenkommt, kann allerdings auch Marva Allen nicht abschütteln. „Ich werde am Dienstag ganz früh wählen gehen“, sagt sie. „Dann nehme ich mir ein Buch und lege mich ins Bett.“ Die Anspannung der Wahlnacht, das Zittern, das vielleicht doch alle Umfragen verkehrt waren, erspart sie sich lieber. Stattdessen will sie einfach nur davon träumen, in einem neuen Amerika aufzuwachen.

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