US-Wahl : Hillarys Wunder

Hillary Clinton liegt aussichtlos hinten und ist doch noch im Rennen. Christoph von Marschall denkt darüber nach was passieren müsste, damit Clinton doch noch zur Präsidentschaftskandidatin gekürt wird.

Warum ist Hillary Clinton eigentlich immer noch im Rennen? Im Wettbewerb um die Nominierung als offizielle Kandidatin der demokratischen Partei liegt sie in fast allen Belangen ziemlich aussichtslos hinter Barack Obama.

Er hat deutlich mehr Delegierte für den Parteitag als sie, und das ist die entscheidende Machtwährung. Die Medien nennen zwar unterschiedliche absolute Zahlen - bei der "New York Times" steht es 1.622,5 zu 1.472,5 für ihn, bei der Nachrichtenagentur AP 1.404 zu 1.249, beim Internetdienst Realclearpolitics 1.414 zu 1.248. Einig sind sich aber alle diese Schätzungen, dass Obama einen Vorsprung von rund 150 bis 160 Delegierten hat - und dass es so gut wie unmöglich für Clinton ist, ihn in den verbleibenden neun Vorwahlen zu überholen. Dafür müsste sie alle neun überwältigend gewinnen, mit 2/3- oder 3/4-Mehrheit. Doch im Gegensatz zu Obama, der mehrere Vorwahlen mit diesem deutlichen Abstand gewann, sind Clinton solche Erdrutschsiege bisher nicht gelungen.

Auch in den nur symbolisch wichtigen Kategorien liegt er vorn. Rund 13,3 Millionen Bürger haben für ihn die Stimme abgegeben, 12,6 Millionen für sie, da hat er 717.000 Stimmen Vorsprung. Zählt man nach Staaten und Territorien, hat er 28 gewonnen, sie 15; allerdings siegte sie in den größeren Staaten.

Dennoch, unter dem Strich bleibt die Frage: Warum zieht sie sich nicht zurück und erspart der Demokratischen Partei diese bittere innere Spaltung? Die bedroht nämlich längst die Siegesaussichten der Partei bei der Hauptwahl am 4. November gegen den Republikaner John McCain. Der Wahlkampf wird - vor allem von Clintons Seite aus - so erbittert und mit so viel persönlichen Verunglimpfungen geführt, dass die beiden Anhängerschaften sich schon fast wie verfeindete Lager gegenüberstehen. Sie gehören doch derselben Partei an. Aber derzeit sagen ein Drittel der Clinton-Fans, wenn Hillary es nicht schafft, werden sie eher für den Republikaner McCain als für Obama stimmen. Umgekehrt sagen ein Fünftel der Obama-Unterstützer, sie würden in der Hauptwahl McCain unterstützen, falls Hillary ihren Star aus dem Rennen wirft.

Glaubt Hillary an Wunder?

Für diese zweite Variante müsste freilich ein Wunder eintreten. Nach menschlichem Ermessen kann sie doch gar nicht mehr gewinnen. Glaubt Hillary an Wunder?

Man muss es wohl andersherum betrachten. Hillary glaubt vermutlich selbst nicht mehr, dass sie die Nominierung gewinnen kann. Aber sie hofft immer noch, dass Obama sie verlieren oder verspielen kann. Auch dann würde sie zur Kandidatin gekrönt - nicht strahlend, aber immerhin.

Welche Umstände müssten eintreten, damit der Führende, Barack Obama, am Ende des Parteitags in Denver Ende August das Nachsehen hat und Hillary den ersten Platz erreicht? Hillary und ihr Mann Bill Clinton, das "Comeback Kid", vermeiden den Blick auf das Gesamtbild - denn dann müssten sie verzweifeln. Sie schauen immer nur auf die nächste Etappe und hoffen, dass ein Etappensieg eine Kettenreaktion auslöst. Die Summe dieser Kettenreaktionen soll ihr doch noch den Sieg schenken.

Erstmal muss sie die nächste Vorwahl in Pennsylvania am 22. April gewinnen - und zwar so überzeugend, dass sie behaupten kann, dieser Sieg sei die Wende. Die Wählerstruktur dort ist ihr günstig, sie muss Pennsylvania sowieso gewinnen. Aber sie möchte den erwarteten Erfolg als angeblich unerwarteten Triumph inszenieren, so wie ihr das in Ohio und Texas zumindest für zwei, drei Tage gelungen ist - bis sich herausstellte, dass der Sieger in Texas nach Delegiertenstimmen gar nicht Clinton heißt, sondern Obama. Egal, auch die zwei, drei Tage reichten damals, um die Medien zu verunsichern und über eine mögliche Wende spekulieren zu lassen. Das war in ihrem Sinne.

Hoffen auf Obamas Fehler

Um diesen Effekt zu erzielen, bräuchte Hillary vor allem ein Ereignis, das sich als Schwäche oder als Fehler Obamas interpretieren lässt: eine missverständliche Äußerung oder die Nähe zu einer Person mit zweifelhaftem Image wie Obamas Pfarrer Jeremiah Wright, der in Predigten antiamerikanische Parolen von sich gab. Zu Fehlern kann Clinton ihren Rivalen zwar nicht zwingen - aber sie steht bereit, um jeden Anschein von Fehltritt oder Schwäche sofort mit einem Feuerwerk negativer Propaganda zu verstärken.

Mit Rückenwind aus Pennsylvania hofft Hillary auch am 6. Mai in Indiana und North Carolina gut abzuschneiden. Im Arbeiter- und Kohlestaat West Virginia am 13. Mai hat sie ohnehin Vorteile. Und falls sie Wendestimmung entfachen kann, steckt die vielleicht auf der Schlussgeraden die Wähler in Kentucky und Oregon am 20. Mai sowie Anfang Juni in Puerto Rico, Montana und South Dakota an.

Unter diesen Staaten sind freilich mehrere, wo Obama ebenso gute oder bessere Siegchancen hat. Doch was soll sie anderes tun, als auf eine für sie günstige Kettenreaktion zu hoffen? Selbst wenn alles in Clintons Sinne liefe, würde das vermutlich immer noch nicht reichen, um ihn bei den Delegierten zu überholen, vielleicht nicht einmal beim "popular vote", der Summe der abgegebenen Stimmen, wo er jetzt mit 717.000 führt.

Wenn aber Obama strauchelt - oder auch nur den Anschein erweckt, dass er stolpert -, dann könnte das auch die Superdelegierten beeindrucken, die 20 Prozent der Stimmen auf dem Parteitag innehaben und damit das Zünglein an der Waage bilden. Ganz ohne Superdelegierte kann auch Obama die Nominierung nicht gewinnen. Diese Superdelegierten sind nicht vom Volk gewählt, sondern verdanken ihren Einfluss ihrer Stellung in der Partei. Clinton hofft, dass sie sich vor allem danach richten, wem sie eher den Sieg im November gegen McCain zutrauen - und dass sie diese Person sein wird.

Für Clintion muss also alles zusammenkommen: Fehler Obamas, hohe Siege bei Vorwahlen selbst in Staaten, wo es nicht wahrscheinlich ist, und dann noch die Unterstützung der Superdelegierten. Wie wahrscheinlich sind die Hoffnungen, jede für sich - und dann die Summe aus ihnen?

Ach, nach der Wahrscheinlichkeit dürfen die Clintons nicht fragen, denn auch die Antwort darauf wäre zum Verzweifeln. Sie halten sich daran fest, dass diese Entwicklung möglich ist - und dann wäre der Weg zu ihrer Nominierung noch nicht endgültig verbaut.

Obamas Art des Wahlkampfes spricht mehr Wähler an als Hillarys Stil

Wer sagt denn, dass Obama keinen Fehler machen wird? Und warum soll sie nicht alle neun Vorwahlen gewinnen? Und es wäre doch gelacht, wenn eine solche Entwicklung die Superdelegierten unbeeindruckt ließe?
Die bisherige Erfahrung spricht gegen diese Annahmen - und damit auch gegen die daraus folgende Kettenreaktion. Fast überall, wo Clinton und Obama antraten, hat er den Vorsprung, den sie sechs, sieben Wochen vor einer Vorwahl laut Umfragen hatte, in seinen Sieg verkehrt oder zumindest ihre Führung drastisch verringert. Obamas Art des Wahlkampfes spricht einfach mehr Wähler an als ihr Stil. Warum soll sich das in den letzten neun Vorwahlen ändern?

Auch bei den Superdelegierten spricht der Trend für ihn. Anfangs hatte Hillary unter ihnen ein starkes Übergewicht, weil sie und ihr Mann mehr Einfluss im Parteiapparat haben. Doch rund die Hälfte der 800 Superdelegierten haben bereits ihre Präferenz zu erkennen gegeben, und da ist ihr Vorsprung stark geschmolzen. Von den Superdelegierten, die sich seit dem Super Tuesday Anfang Februar erklärten, haben sich rund zwei Drittel auf Obamas Seite gestellt, nur ein Drittel auf ihre. Und da ist vor allem das Argument: Obama hat die Mehrheit der gewählten Delegierten und die Mehrheit des "popular vote". Die Superdelegierten bräuchten ein sehr starkes Motiv, um Clinton gegen Volkes Stimme zu nominieren. Warum sollten sie das plötzlich tun?

Auch in den Umfragen, wer die besseren Aussichten gegen McCain hätte, liegt meistens Obama vor, nur selten sie. Was spricht dafür, dass sich dies ändert?
Doch wenn Hillary sich von solchen Überlegungen beeindrucken ließe, müsste sie längst das Handtuch werfen. Das widerspricht ihrem Naturell, sie gibt nicht auf. Sie ist eine Kämpferin, notfalls eine störrische. Bevor sie sich zurückzieht, glaubt sie schon lieber an Wunder.

Die "New-York-Times"-Kolumnistin Maureen Dowd interpretiert Hillarys Verhalten weit bösartiger. Clinton, schreibt sie, habe bereits verstanden, dass sie 2008 nicht mehr gewinnen kann. Sie bleibe im Rennen, um Obama so stark zu beschädigen, dass er im November gegen McCain verliert. Dann wäre der Weg frei, dass Hillary 2012 wieder antreten kann. (Was sie schlecht könnte, wenn Obama 2008 Präsident wird und 2012 die Wiederwahl anstrebt.)

Aber soll man das glauben - dass Hillary ihren persönlichen Erfolg über das Wohl der Partei stellt? Nun ja, das wäre zumindest wahrscheinlicher als ein Wunder.

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