Politik : US-Wahl: In die Falle getappt

Armin Lehmann

Der Bleistift steckt hinter seinem linken Ohr. Mark Edgars knetet mit der einen Hand die andere. Sein Scheitel sitzt noch gut. Nur sein Hemd gleicht einem nassen Handtuch. Edgars redet mit ruhiger Stimme. Er steht in einem riesigen Raum im dritten Stock der "Dallas Morning News". Edgars ist Journalist. Und eine Art Manager der gesamten Wahlberichterstattung. Es ist 1 Uhr 30 nachts. Kurz zuvor hat CNN George W. Bush als neuen Präsidenten der Vereinigten Staaten ausgerufen. Gerade noch rechtzeitig. 45 Minuten bevor die Maschinen anlaufen müssen, um einen Großteil der Auflage von 500 000 Exemplaren zu drucken, die normalerweise täglich verkauft werden.

Edgars Augen sind rot unterlaufen, seinen Schlips hat er nicht abgestreift, nur den Hemdkragen gelockert. Er gibt letzte Anweisungen. Um ihn herum steht die gesamte Mannschaft. Zahlreiche Redakteure, Grafiker, Korrektoren und die drei Chefredakteure, ständig verbunden mit dem Chef der Druckerei. Viele von ihnen sind seit über 12 Stunden im Einsatz. "Bush" steht nun in riesigen Lettern auf der Titelseite. Edgars ist nicht überglücklich, aber zufrieden: "We made it - wir haben es geschafft."

Doch Mark Edgars irrte sich. Weil sich CNN in dieser Wahlnacht irrte. Die Druckmaschinen laufen an, doch Florida ist noch immer nicht sicher auf der Habenseite von George W. Bush. Der dritte Stock in der "Dallas Morning News" leert sich. Und die Titelseite verkündet den möglicherweise falschen Präsidenten.

Dabei hatte alles so gut angefangen. Schon am Nachmittag ist der dritte Stock im Gebäude der "Dallas Morning News" voller Menschen. Viele, sehr viele der über 500 Angestellten haben sich hier versammelt. Mitten im Chaos steht Edgars. Natürlich hat er den Bleistift hinter dem linken Ohr. Er braucht ihn nicht, denn er hat noch einen Stift in der Hand. Aber an einem solchen Tag wie heute ist der Bleistift so etwas wie ein Erkennungszeichen.

Redakteure wuseln über die Flure, fast alle Schreibtische in den Großräumen sind besetzt. Die einen starren wie besessen auf ihre Bildschirme, andere balancieren riesige Kaffeetassen durch die Räume. Manche spielen Karten, Telefone klingen in verwaisten Räumen, überall laufen Fernseher.

Doch es herrscht kein Chaos. Kathleen Vincent lacht. "Wir sind nicht nervös. Wir sind gut vorbereitet." Vincent kramt einen riesigen Zettel unter einem Papierberg auf ihrem Schreibtisch hervor und hält ihn demonstrativ hoch. Es sind viele Namen zu sehen. Jedem Namen ist eine Grafik zugeordnet. Kathleen Vincent ist die Grafikchefin. Seit 20 Jahren macht sie diesen Job. Es ist ihre sechste Präsidentschaftswahl. Heute wacht sie über 14 Mitarbeiter. Ihr gesamtes Team. Es ist mit allen Leuten im Einsatz. Jeder der 14 Grafiker ist wiederum einem bestimmten Redakteur zugeordnet. Auch das steht auf diesem großen Blatt Papier. Und von diesen Papieren gibt es einige. Auch Mark Edgars hat solche Blätter. Dort stehen alle Korrespondentennamen mit den Geschichten, die jeder schreiben soll.

Zur allgemeinen Ordnung gehört auch William Snyder. Über 15 Jahre war er selbst vor Ort und hat fotografiert. Seit zwei Jahren ist er der verantwortliche Fotoredakteur. Er entscheidet, welches Bild am Ende in die Zeitung kommt. William ist mit seinem Team - drei weitere Fotoredakteure, fünf Fotoassistenten - in ständigem Kontakt mit den "Jungs da draußen". Und natürlich mit Edgars. Draußen heißt in Dallas, in Austin, wo Anhänger Bushs sich versammeln oder in Tennessee, wo Gore den Ausgang der Wahl erwartet. 12 Fotografen sind im Einsatz, ihre Fotos laufen über digitale Übertragungswege direkt in den Computer an dem William Snyder sitzt.

Die ersten Hochrechnungen kommen am Nachmittag. Alles läuft wie geplant. Die Technik spielt mit. Die gute Vorbereitung zahlt sich aus. Das Team arbeitet. Die Chefredaktion gibt sich gelassen. Bis 23 Uhr 30. Noch immer keine Entscheidung. Langsam werden die Verantwortlichen nervös. Krisensitzung. Wie lange können wir die Zeitung offen halten? Edgars sitzt mit im Krisenstab. Jetzt hat der Chef der Druckerei das Sagen. In zwei Stunden ist Schluss, entscheidet er. Edgars schluckt. Tiefes Durchatmen. Ohnmächtiges Warten. Alle fixieren nur noch die Fernseher. Bis CNN die "Dallas Morning News" in die Falle tappen lässt.

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