US-Wahl : Popstar Obama führt den Wahlkampf der Zukunft

Barack Obama führt einen neuen medialen Wahlkampf, der Schule machen wird. Sein Wahlkampfteam hat alle Register gezogen und dabei das Internet als neue Kommunikationsform entdeckt - mit der sich ganz nebenbei enorme Spendensummen einfahren lassen. Der Journalist Tobias Moorstedt hat sich vor Ort den neuen Wahlkampf angesehen.

Interview von Mercedes Bunz,Simone Bartsch

Herr Moorstedt, Obamas neuer, digitaler Wahlkampf ist sehr erfolgreich. Was ist sein Geheimnis?

Es sind drei Dinge, die Obamas Online-Wahlkampf so erfolgreich machen: Erstens schafft er es, seinen Anhängern das Gefühl einer Gemeinschaft zu geben. Wer sich auf seiner Website registriert hat, erhält beispielsweise direkt nach den TV-Duellen Emails mit „persönlichen“ Einschätzungen. Solche exklusiven Informationen verbinden den Präsidentschaftskandidaten mit seinen Anhängern.

Zweitens verbindet er über seine Seite mybarackobama.com Gleichgesinnte. Die technische Infrastruktur, die seine Website mybarackobama.com bietet, ermöglicht unbekannten Menschen zusammen Veranstaltungen, Treffen und Aktionen rund um die Wahl ihres Kandidaten zu organisieren.

Und das dritte?

Drittens nimmt die Kampagne den so genannten „voter generated content“ von der Basis auf und integriert ihn. Das bekannteste Beispiel ist der Videoclip „Yes we can“ des Sängers will.i.am von den Black Eyed Peas, der ohne Zutun der Obama-Kampagnen-Manager entstanden sein soll und schließlich vom Wahlkampfteam per Mail herumgeschickt wurde. Obama schafft es sehr gut, von der Kreativität und der Energie seiner Anhänger zu profitieren und sie zugleich auch ernst zu nehmen.

Gut, man kann eigene Videos beisteuern, aber ist das wirklich Ausdruck eines neuen Aktivismus?

Es hat sich eine neue Form von Aktivismus gebildet, die mit einem Engagement, das wir von den Umweltbewegungen in den 1980er Jahren kennen, nicht vergleichbar ist. Früher waren es etwa zwei Prozent der Bevölkerung, die sich in zehn Prozent ihrer Freizeit für die Politik engagiert haben. Das war ehrenwert und verdienstvoll, doch heute haben die Menschen immer weniger Zeit – und dennoch das Bedürfnis, sich einzubringen. Die Online-Wahlkampagne von Obama hat hier neue Möglichkeiten geschaffen, die weniger zeitintensiv sind und dennoch sehr effektiv. Wenn eine Millionen Menschen 10 Minuten ihrer Zeit opfern, ist das jede Menge Arbeitskraft. Damit hat die Kampagne hat einen neuen Aktivismus geschaffen, den so genannten 5-Minuten-Aktivismus.

Der in der Tat erfolgreich zu sein scheint. Dieses Prinzip der „kleinen Beteiligung am großen Ganzen“ wendet Obamas Team ja auch erfolgreich beim Spendensammeln an…

Das stimmt. Zwar bekommt Obama immer noch viel Geld von Millionären und großen Unternehmen -  vor allem aus dem Silicon Valley – aber er hat sich im Bereich der Spenden ebenfalls eine neue Zielgruppe erschlossen, das zeigen die Zahlen. Bis 2000 kamen 80 Prozent der Spenden von einem Prozent der reichsten Amerikaner. Die Mittel- und Arbeiterklasse spielte keine Rolle. Das Netzwerk an Großspendern, die bei einem der berühmten Fundraising-Dinner 2300 Dollar für ihre Hähnchenkeule zahlen, brachte das Geld zusammen.

Das Internet bietet Obama eine einfache Möglichkeit, an die Mittelschicht heranzutreten und über Kleinspenden sehr viel Geld zu akquirieren. Ein Großteil der Spenden sind Summen von weniger als 100 US-Dollar. Dank diesen vielen kleinen Spenden hat Obama bislang über 605 Millionen Dollar gesammelt, das ist ein absoluter Rekord! Bush – zum Vergleich – hat in seinem Wahlkampf  2004 gerade einmal 188 Millionen ausgegeben. Der Aufruf zu spenden, steht in Obamas E-Mails und auf seiner Website. So bekommt er immer wieder neues Kapital. Das ist einer der Gründe, warum er mit den Clintons überhaupt mithalten konnte: Die vielen kleinen Spenden haben es ihm erlaubt, die Familie mit den besten Beziehungen in der demokratischen Partei zu schlagen.

Wird das die amerikanische Politik verändern?

Traditionell ist Lobbyismus in den USA sehr einflussreich. Immer wieder wurde versucht, Interessen mit dem Hinweis durchzusetzen: Mr. President, wir haben Sie finanziert. Ich bin mir sicher, dass Barack Obama auch nach der Wahl weiter mit seinen Anhängern und Geldgebern über seine Website kommunizieren wird. Und seine Community wird ihm dort mitteilen: Wir haben dich ins Amt gehoben und damit bist du uns verpflichtet.

Obama ist es gelungen, junge Menschen wieder für Politik zu interessieren. Was kann die deutsche Politik aus einem Wahlkampf wie diesem lernen?

Dieser Wahlkampf ist eine Art Labor, in dem mit hohem Druck und unter Zugabe von sehr viel Geld neue Kommunikationsformen getestet wurden. Im Laufe der nächsten Jahre werden diese in anderen Ländern adaptiert, auch in Deutschland. Viele Firmen und Programmierer, die ich in Washington besucht habe, sagten mir, dass sie schon Besuch von deutschen Parteien hatten. Dennoch werden wir uns nicht auf E-Mails einstellen müssen, die mit „Deine Angela“ unterzeichnet sind. Deutscher Wahlkampf wird sich verändern, aber unsere Politik ist weniger auf Personen, sondern stärker auf Themen ausgerichtet.

Tobias Moorstedt ist freier Journalist und arbeitet unter anderem für die Süddeutsche Zeitung, GQ und Arte. Vor kurzem ist sein Buch "Jeffersons Erben. Wie die digitalen Medien die Politik verändern" erschienen.



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