US-Wahl vor Ort : "I have voted! - in Arlington County"

Tag der Entscheidung in den USA. Allerorten versammeln sich die Bürger vor den Wahllokalen - so auch in Arlington im US-Bundesstaat Virginia. Tagesspiegel-Korrespondent Fabian Leber hat sich vor Ort umgehört und festgestellt, dass der Wahlausgang längst nicht so klar ist, wie viele Prognosen vermuten lassen.

Fabian Leber[Arlington]

Die Menschen, die die U-Bahn-Station Virginia Square in Arlington fünf Kilometer südlich von Washington ausspuckt, werden von zwei hochgewachsenen Frauen empfangen. Sie sind blond, 22 und 23 Jahre alt, und tragen ein selbstgemachtes Plakat in den Händen - "Vote Obama" steht da, gemalt mit roten und blauen Filzstiften. Lisa Merete und Sofie Berglund stehen seit sechs Uhr morgens am Virginia Square, seit Öffnung der Wahllokale, und sie drücken den Passanten schmale Obama-Prospekte in die Hände. Vor eineinhalb Wochen sind sie aus Odense in Dänemark in die USA gekommen, und sie hoffen, dass das Amerika, das sie am Wochenende verlassen werden, nicht mehr dasselbe sein wird wie bei ihrer Ankunft.

"Letzte Woche haben wir Wahlkampf in Pennsylvania gemacht. Wir haben in New York einfach das nächste Obama-Büro aufgesucht und gefragt, wo wir helfen können. Sie haben uns dann in die Nähe von Philadelphia geschickt", sagt Lisa, die ältere der beiden, die Journalismus studiert. Dort hätten sie bei einer Familie übernachtet, die den Demokraten nahe steht. Zusammen mit der 18-jährigen Tochter seien sie von Tür zu Tür gezogen. "Ich bin mir nicht so sicher, ob ich es wollte, dass Ausländer nach Dänemark kommen und uns erzählen, was wir zu tun haben. Aber die Amerikaner, die wir getroffen haben, waren überhaupt nicht böse auf uns - im Gegenteil, sie haben sich gefreut", sagt Sofie. Ein paar Stunden wollen Lisa und Sofie noch an der zugigen U-Bahn-Rolltreppe stehen, dann werden sie eine der vielen Wahlpartys in der US-Hauptstadt aufsuchen. "Wie wollten bei einem historischen Moment dabei sein. Deshalb haben wir die Flüge in die USA gebucht", sagt Lisa und drückt dem nächsten Fahrgast ihr Prospekt in die Hand..

Lange Wartezeiten

In der Warteschlange des Wahllokals "Arlington City Library" reden sie weniger von historischen Momenten. Eineinhalb Stunden beträgt die Wartezeit hier um elf Uhr morgens, die Schlange geht fast einmal um den gesamten flachen Backsteinbau herum. "Es ist unglücklich, dass wir hier solange warten müssen. Ich habe gedacht, bei dieser Wahl ist es endlich mal anders", sagt Kyle McCowin. Er arbeitet als Berater in der Gesundheitsbranche und ist zusammen mit seiner Frau hierhergekommen. "Ich werde Obama wählen. Obwohl ich mich etwas unwohl damit fühle. Mir geht es nicht so sehr um ihn. Ich finde, er hat nicht genügend Erfahrung. Aber ich hoffe, er wird die richtigen Leute auswählen." McCowin nimmt den blauen Zettel in die Hand, den ihm ein Helfer der Obama-Kampagne in die Hand drückt. Es sind die Wahlempfehlungen der Demokratischen Partei. In der ersten Zeile steht übergroß:"Barack Obama, President." Weiter unten gibt die lokale Parteiorganisation dann bekannt, welche Haltung sie zum Bau einer neuen Schule in Arlington County einnimmt. Auch darum geht es heute.

Auf der anderen Seite der Schlange steht Jason Smith, er verteilt die orangefarbenen Zettel der Republikaner. Sie sind kleiner als die blauen, und sie sind hier auch nicht so stark nachgefragt. Arlington County ist fest in demokratischer Hand, bis zu 75 Prozent der Menschen in den mehrstöckigen Appartmenthäusern wählen in der Regel demokratische Kanidaten. Diesmal könnten es auch mehr sein. Zum ersten Mal seit 1964 ist Virginia wieder ein "Battleground State". Boris Sanders, der örtliche Wahlleiter, glaubt, dass bis zu 65 Prozent der 220000 Einwohner von Arlington County am Ende des Tages gewählt haben werden. Das wären rund vier Prozent mehr als bei der letzten Wahl 2004.

Das Wahllokal "Washington Lee High School", in dem Sanders die Aufsicht führt, ist vier Blocks von der "City Library" entfernt. Beherzt kümmern sich hier die Wahlhelfer um jeden einzelnen Wähler, halten ihnen den Weg durch die vier Kamerateams frei, die sich gerade postiert haben. Minuten vergehen, bis der nächste Wähler kommt, er hat die freie Auswahl zwischen sieben Wahlkabinen. "Als Wähler von Virginia haben sie folgende Rechte: Dass sie von den Offiziellen mit Höflichkeit und Respekt behandelt werden", steht auf einem großen Poster an der Wand. Das Recht, das Wahllokal zu wechseln, gehört nicht dazu. Wählen in Amerika ist ein feierlicher, aber auch ein sehr komplizierter Akt. Und die Angst, dass hier etwas schief gehen könnte, ist überall zu spüren. "Bei uns können sich die Wähler entscheiden, ob sie mit einer elektronischen Wahlmaschine abstimmen wollen oder per Hand", sagt Sanders. "Die meisten entscheiden sich für die Wahlmaschinen. Sie kennen das System und vertrauen ihm."

"Amerika wird vielfältiger"

Bei der "City Library" steht Jason Smith immer noch mit seiner "McCain-Palin"-Mütze auf dem Kopf und den orangefarbenen Wahlempfehlungen unter dem Arm. "Ich bin nicht pessimistisch, ich glaube, dass McCain ein ehrlicher Mann ist, der es verdient hätte unser Land zu führen. Und den Umfragen glaube ich nicht. Schauen Sie sich die Wahl 2000 an. Da lag Al Gore auch weit vor Bush, und hat es dann doch nicht geschafft. Aber ich gebe zu, dass es nicht einfach für uns ist. Ohne Bush wäre es für McCain leichter. Bush hat das richtige gemacht, aber er hat es nicht richtig erklären können." Jason Smith bietet seine Zettel einem grauhaarigen Mann um die 50 an, der mit seiner Sporttasche unter dem Arm gerade der nächste in der Schlange ist, die immer länger wird. "Hier, die Empfehlungen der Republikanischen Partei", ruft Smith. Doch der Mann, er heißt Fred Stehn und ist freier Autor, will sie nicht haben. "Amerika wird gehasst in der Welt, und das ist die Schuld von Bush", sagt Stehn und schüttelt den Kopf. Smith antwortet: "Hier geht es aber nicht um Bush." Doch da wendet sich Stehn schon einer Journalistin aus Kuwait zu, die sich gerade in die Schlange gedrängt hat. "Sie wählen Obama, obwohl er schwarz ist und einen muslimischen Hintergrund hat?", fragt sie ihn. Stehn verzieht das Gesicht: "Hören Sie, ich sehe Obama nicht als Schwarzen. Für mich ist er ein Amerikaner. Amerika wird vielfältiger, die spielt die Rasse keine so große Rolle mehr. Und einen muslimischen Hintergrund hat er doch überhaupt nicht."

Ein paar Dutzend Wähler weiter vorne hat Jason Smith dann doch Glück. Er wird seinen Zettel los bei Ashley Wilkenson. Sie ist Ende 20, pharmazeutische Assistentin, und schaut den Reporter etwas unsicher an, als er sie nach ihrer Wahlentscheidung fragt. "Ich habe mich noch nicht entschieden. Ich habe ja jetzt noch ein bisschen Zeit. Allerdings tendiere ich mehr zu McCain. Das hängt auch mit meinem Beruf zusammen. Ich glaube nicht, dass die Vorschläge von Obama in der Gesundheitspolitik funktionieren können. Sein Reformplan ist nicht durchdacht." Ob sie findet, dass Bush in den vergangenen acht Jahren der richtige Präsident war? "Nein, das finde ich nicht. Aber Obama ist mir zu sehr ein Star. Die Leute hören doch gar nicht wirklich darauf, was er sagt. Sie wählen ihn einfach, ohne sich Gedanken über die Fakten zu machen." Der kleine, etwas füllige Mann im grauen Pullunder, der direkt vor ihr in der Schlange steht, nickt zustimmend. "Ja, das sind doch alles dieselben Leute, die da in Washington sitzen. Für die Leute der Mittelklasse, die Sie hier warten sehen, tut keiner von beiden etwas", sagt Greg Lifield, der bei einer Beratungsfirma arbeitet. "Wissen Sie, ich bin schwul, eigentlich müsste ich für Obama stimmen. Aber ich denke, ich werde McCain wählen. Ich misstraue den Politikern. Und ich glaube nicht, dass es gut wäre, wenn es einen demokratischen Kongress und einen Präsidenten Obama gibt. Das kann nur schief gehen." Greg Lilfield und Ashley Wilkenson diskutieren noch kurz miteinander, dann scheint für sie festzustehen, dass sie den Republikaner McCain wählen, weil sie Obama, dem Star, misstrauen. Nach einer Viertelstunde haben sie ihre Stimme abgegeben. Sie sehen so danach so aus, als sei es für sie vor allem eine Pflicht gewesen. Den Aufkleber, den alle Wähler hier bekommen, haben sie sich trotzdem angeheftet. "I have voted! - in Arlington County."

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