Politik : US-Wahl: Wenn Sieger zu Gewinnern werden

Henriette Löwisch

Wenn die letzte Patrone verschossen ist, schwingt sich der geschlagene Held auf sein Pferd und reitet davon in den Sonnenuntergang. Was nach dem Abspann kommt, bleibt der Fantasie der Zuschauer überlassen. Wie im Western liegt auch die Zukunft von Al Gore im spekulativen Bereich, sollte ihm die Tür des Weißen Hauses dieses Mal wirklich verschlossen bleiben. "Wir haben hier jemanden, der die Präsidentschaft so gnadenlos zum Herzstück seines Lebens gemacht hat", meint der Historiker Gil Troy von der McGill-Universität in Montreal. "Was aus ihm einmal wird, ist wirklich eine Frage, die schwer zu beantworten ist".

Für die Niederlage eines Vizepräsidenten im Kampf um das mächtigste Amt der Welt gab es im 20. Jahrhundert zwei nützliche Präzedenzfälle. Das beste Beispiel für ein Comeback bot Richard Nixon, der 1960 knapp gegen John F. Kennedy verlor und acht Jahre später ins Weiße Haus einzog. Der Republikaner sei sich des Stigmas eines Verlierers wohl bewusst gewesen, meint Troy. "Aber er war kompromisslos auf sein Ziel fixiert" - eine Eigenschaft, die Gore womöglich teilt.

Auch der Demokrat Andrew Jackson, der 1824 zwar die landesweite Stimmenmehrheit gewann, gegenüber seinem republikanischen Gegner John Quincy Adams (dem Sohn eines Ex-Präsidenten) im Wahlmännerkollegium jedoch den Kürzeren zog, dachte nicht ans Aufgeben. "Am Tag, an dem er verloren hatte, zog er aufs Neue in den Wahlkampf", berichtet Troy. Wie Jackson gleiche Gore dem Osterhasen aus der Werbung, der mit einer Endlosbatterie ausgestattet sei. "Die Frage ist nur, gibt es Leute, die bereit sind, seinem Ruf zu folgen?"

Mit seinem beharrlichen Kampf um jede Stimme ist dem demokratischen Präsidentschaftskandidaten zumindest eines gelungen: Er profilierte sich als Märtyrer der schwarzen Minderheit, die sich an den Urnen übervorteilt fühlte. Die Umfragen zeigen jedoch, dass es ihm nicht gelang, die politische Mitte klar auf seine Seite zu bringen. Die Entfremdung zwischen Gore und dem Großteil der Bevölkerung bleibt allen Appellen an Fairness, Nationalinteresse und Sympathie zum Trotz bestehen.

In dieser Hinsicht gleicht Gore eher George Bush, dem Vater des diesjährigen republikanischen Präsidentschaftskandidaten. Wie der ehemalige Vizepräsident von Ronald Reagan spielte er sich nie in die Herzen des Publikums. Distanz wahrte er auch gegenüber den Granden der eigenen Partei. In der Krise zog sich Gore in den Kreis seiner Familie zurück.

Auch wenn Berühmtheiten in den USA dieser Tage viel verziehen wird, auf der Ebene der Präsidentschaftskandidaten tendieren die Amerikaner nach Ansicht von Troy zum Kannibalismus. Demokratischen Verlierern ergeht es dabei oft noch schlechter als Republikanern - wer feiert heute schon noch gescheiterte Bewerber wie Walter Mondale oder Michael Dukakis? Vielleicht wird Gore nichts anderes übrig bleiben, als sich ins Privatleben zurückzuziehen. Immerhin war er schon Journalist, Autor und Umweltpapst. Sein Mentor Martin Peretz, Verleger der linksgerichteten Zeitschrift "New Republic", könnte dem 52-Jährigen einen Job bieten.

Andererseits fehlen den Demokraten derzeit konkurrierende Lichtfiguren, die im nächsten Präsidentschaftswahlkampf die Fahne tragen könnten. "First Lady" Hillary Clinton, Vizekandidat Joe Lieberman sowie Senatoren wie John Kerry und Joe Biden werden genannt, ohne dass ihnen jemand zum jetzigen Zeitpunkt Wählbarkeit und Siegesfähigkeit attestieren will. Indes dürfte es nicht schwer fallen, die Demokraten zu mobilisieren, den Republikaner George W. Bush wieder aus dem Weißen Haus zu werfen. "In der amerikanischen Politik bedeuten vier Jahre ein Lebensalter", sagt der Historiker Troy.

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