Politik : US-Wahl: Zitterpartie in Florida

Eine an Überraschungen und Kuriositäten reiche Wahlnacht hat keine Klarheit über den nächsten US-Präsidenten gebracht. Wegen des knappen Wahlausgangs in Florida müssen Al Gore von den Demokraten und George W. Bush von den Republikanern eine Nachzählung der Stimmen im "Sonnenstaat" abwarten, ehe sie wissen, wer im Januar Nachfolger von Bill Clinton wird. Die 25 Wahlmännerstimmen Floridas geben den Ausschlag. Die gesetzlich vorgeschriebene Nachzählung in Florida muss bis Donnerstagabend beendet sein. Bush sagte, er erwarte einen Sieg in Florida.

Möglicherweise kann sich die Bekanntgabe des Endergebnisses sogar noch Tage hinziehen, falls die Auszählung von Briefwahlstimmen im Ausland abgewartet werden muss. Die Wahlbeteiligung lag am Dienstag mit rund 50 Prozent minimal über jener von vor vier Jahren. Rund 100 Millionen Amerikaner stimmten ab. Bush und Gore erreichten beide etwa 48 Prozent; Gore lag dabei an Stimmen knapp vor Bush und konnte 260 Wahlmännerstimmen auf sich vereinigen, Bush dagegen nur 246. Nötig sind 270 Stimmen im so genannten "Electoral College" der Wahlmänner aus den Bundesstaaten, die offiziell den Präsidenten bestimmen. Grünen-Kandidat Ralph Nader kam auf knapp drei Prozent. Nader sagte: "Ich habe Gore nicht die Präsidentschaft gekostet. Wer gegen den stammelnden Gouverneur aus Texas nicht siegen kann, hat sich selbst verhindert."

Neben Florida stand am Mittwochabend auch das Ergebnis in in Oregon aus, wo noch Briefwahlstimmen ausgezählt werden mussten. Deutliche Siege gelangen Gore in den Neuengland-Staaten, New York, Washington D.C., Illinois und Kalifornien, während Bush in seinem Heimatstaat Texas, wo er Gouverneur ist, den Südstaaten und im Mittleren Westen dominierte. Er gewann auch Gores Heimatstaat Tennessee.

Die US-Medien hatten zunächst Gore zum Sieger in Florida erklärt und später Bush. Zwei Stunden lang galt der Gouverneur von Texas damit als gewählter neuer Präsident. Er hatte bereits Glückwunschtelegramme aus aller Welt erhalten, ehe Al Gore sein Eingeständnis einer Niederlage widerrief. Damit entfielen die üblichen Reden von Gewinner und Verlierer. Bundespräsident Johannes Rau gehörte wie Frankreichs Präsident Jacques Chirac zu den "voreiligen" Gratulanten. Bundeskanzler Gerhard Schröder gab keine Erklärung ab.

In beiden Kammern des Kongresses schmolz die ohnedies knappe Mehrheit der Republikaner weiter zusammen. Auch hier fehlen noch Ergebnisse für einzelne Wahlbezirke. Die Bush-Partei behält aber offenbar eine hauchdünne Mehrheit im Repräsentantenhaus (435 Sitze) und im Senat (100 Sitze). Zöge Bush ins Weiße Haus ein, hätte damit erstmals seit 1953 ein Präsident wieder eine Mehrheit der eigenen Partei in beiden Kammern.

Frühzeitig Klarheit herrschte bei der Senatorenwahl in New York: Hillary Clinton wird Vertreterin des zweitgrößten Bundesstaates. Als erste First Lady der US-Geschichte errang sie ein politisches Mandat. Gegen Rick Lazio von den Republikanern konnte sie sich klar mit 56 zu 44 Prozent durchsetzen. Im Senat trifft sie auf Jean Carnahan, die Witwe des vor drei Wochen bei einem Flugzeugabsturz getöteten Gouverneurs Mel Carnahan. Der Name des Demokraten durfte gemäss den Gesetzen des Bundesstaates Missouri nicht mehr vom Wahlzettel gestrichen werden. Der Tote gewann knapp gegen den republikanischen Amtsinhaber John Ashcroft.

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