Politik : US-Wahlen: Die Idee mit der Witwe

Thomas Müller

Seit seinem Tod waren Mel Carnahans Werte in den Wahlumfragen ständig gestiegen und hatten schließlich sogar die seines Gegners überrundet. Dieser musste es mit ansehen, ohne so recht zu wissen, wie man gegen eine Leiche kämpft. Nun, zwei Wochen nach dem Flugzeugabsturz des demokratischen Gouverneurs von Missouri, ist seine Witwe in die Bresche gesprungen. Jean Carnahan akzeptierte am Montag die Nominierung und wird damit in einem der bizarrsten Rennen im diesjährigen Wahlkampf an der Stelle ihres Mannes für den Posten eines Senators aus dem Bundesstaat Missouri antreten.

Mel Carnahan war am 16. Oktober beim Absturz eines kleinen Sportflugzeuges zusammen mit seinem Sohn getötet worden. Auch Carnahans Stabschef kam bei dem Unglück nahe St. Louis ums Leben. Da der Unfall so kurz vor dem Wahltermin am 7. November passierte, blieb den Demokraten keine Zeit, einen anderen Kandidaten zu benennen, und sie mussten Carnahans Namen auf den Stimmzetteln lassen.

Die meisten Beobachter gingen davon aus, dass der republikanische Senator John Ashcroft damit problemlos seinen Sitz verteidigen würde. Doch dann kamen die Demokratische Partei und der neue Gouverneur Roger Wilson auf die Idee mit der Witwe. Schließlich geht es in dem Wahlkampf nicht nur um den Senatssitz, sondern auch um die Machtverhältnisse in Washington. Carnahan galt als einer der wenigen Herausforderer, dem zugetraut wurde, bei der Wahl am 7. November einen republikanischen Amtsinhaber zu besiegen und damit die Mehrheitsverhältnisse im US-Senat wieder zu Gunsten der Demokraten zu wenden.

Republikaner kritisierten die Entscheidung, und Ashcroft ließ es offen, ob er dagegen klagen werde. Ein führender Republikaner in Washington schwor: "Jean Carnahan wird nie in den Senat kommen." Der ehemalige Senator von Missouri, Tom Eagleton, dröhnte dagegen: "Ein Senator, der es nicht schafft, einen toten Mann zu besiegen, gehört nicht in den US-Senat." Für die 66-jährige Jean Carnahan, die früher die Kampagnen ihres Mannes mitgeführt hatte, kommt es in den wenigen Tagen bis zur Wahl nun darauf an, sich der Bevölkerung als ernst zu nehmende Kandidatin vorzustellen. Unterstützung erhält sie dabei von höchster Stelle. Vizepräsident Al Gore machte vergangene Woche einen Stopp in Missouri und forderte die dortigen Wähler auf, am 7. November für Jean Carnahan zu stimmen. Er wiederholte dabei den neuen inoffiziellen Wahlspruch der amerikanischen Demokraten in Missouri: "Lasst die Flamme nicht erlöschen!"

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