US-Wahlkampf : Auf nach Washington – via Bagdad und Kabul

Die amerikanischen Präsidentschaftskandidaten Barack Obama und John McCain streiten über außenpolitische Strategien.

Christoph von Marschall

WashingtonWürde der US-Präsident in Deutschland gewählt, wäre der Ausgang klar. Mehr als 70 Prozent bevorzugen Barack Obama. Auch seiner Rede zur Außenpolitik im Washingtoner Ronald-Reagan-Zentrum, die er am Dienstag gehalten hat, würden die meisten Europäer zustimmen. In Anlehnung an den Marshall-Plan zum Wiederaufbau Europas nach dem Zweiten Weltkrieg forderte er mehr zivile Aufbauhilfe in Afghanistan, um Taliban und Al Qaida den Rückhalt zu entziehen. In der Iranpolitik will er „unsere europäischen Partner in den Verhandlungen unterstützen“, um Teherans Atomprogramm zu stoppen. Er verspricht atomare Abrüstung gemeinsam mit Russland – die Drohung, es aus dem Kreis der G-8-Staaten auszuschließen, hält er für „kein geeignetes Mittel“, um Moskau zu Wohlverhalten zu bewegen.

Doch die Rede richtet sich an die Wähler in Amerika, das zeigen die acht mannshohen US-Flaggen hinter dem Rednerpult für die Kameras. In einer Woche will er in Berlin die nächste Grundsatzrede halten, zur Zukunft der atlantischen Allianz. Vieles dürfte sich wiederholen. Aber er musste seine Pläne zuerst daheim darlegen. Sonst hätten ihm die Republikaner vorgeworfen, die Zustimmung der „Café Latte“ trinkenden Weichlinge in Europa sei ihm wichtiger als die seiner Mitbürger in den USA. Sie streuen ohnehin Zweifel an seinem Patriotismus.

Auch so handelt sich Obama Kritik des Republikaners John McCain ein. Der redet zur selben Zeit wie Obama in Albuquerque, New Mexiko, ebenfalls über Außenpolitik. Und mokiert sich, dass Obama Pläne zur Reduzierung der Truppen im Irak und Verstärkung in Afghanistan vorlege, noch bevor er überhaupt dort gewesen sei. Der Demokrat will die US- Einheiten an beiden Kriegsschauplätzen zum Auftakt seiner Israel- und Europareise besuchen. Obama, betont McCain, sei erst einmal im Irak und nie in Afghanistan gewesen. Er dagegen wisse, wie man Kriege gewinnt, sagt der Vietnamheld.

Offiziell beginnt der Hauptwahlkampf Anfang September nach den Nominierungsparteitagen beider Lager. Tatsächlich ringen Obama und McCain schon jetzt erbittert um das Vertrauen der Amerikaner. Die sind verunsichert, das zeigen die höchst widersprüchlichen Details der Umfragen immer wieder. Eine überwältigende Mehrheit hält den Irakkrieg für einen Fehler. Aber in der Frage, wie es weitergehen soll, ist das Volk gespalten. 50 Prozent begrüßen Obamas Abzugsplan für Irak, ein bis zwei Brigaden pro Monat ab Frühjahr 2009. 49 Prozent stimmen McCain zu. Der ist gegen einen festen Terminplan und will die Truppenreduzierung vom Fortschritt am Boden abhängig machen. Obama, der nicht gedient hat, kann es als Erfolg verbuchen, dass mittlerweile 48 Prozent in ihm einen guten Oberbefehlshaber sehen; ebenfalls 48 Prozent haben noch ihre Zweifel. Doch McCain halten 72 Prozent für den geeigneten Militärchef. Die US-Medien konzentrieren sich nach den beiden Reden fast ausschließlich auf die Aussagen zu Irak und Afghanistan. Aufbau- und Entwicklungshilfe oder atomare Abrüstung spielen keine Rolle im öffentlichen Echo. Nüchtern betrachtet wollen beide dasselbe: Truppen aus dem Irak abziehen – Obama mit festem Zeitplan, McCain ohne – und die Einheiten in Afghanistan verstärken, weil die Lage dort sich verschlechtert.

Doch sie betten das in gegensätzliche Lageanalysen ein. Obama sagt, die USA müssten den falschen Krieg im Irak beenden, um den richtigen in Afghanistan zu gewinnen. McCains Version: Seit wir die Truppen im Irak verstärkt haben, sind wir auf Siegeskurs. Der Erfolg weist uns den Weg, wie wir auch in Afghanistan gewinnen. Obama, so McCains Vorwurf, wolle Irak verloren geben, um in Afghanistan zu siegen; mit ihm dagegen könne Amerika hier wie dort siegen. Obama kritisiert umgekehrt, McCain verdrehe die Fakten und wolle ewig im Irak bleiben.

Nach einer neuen Umfrage der Zeitung „Washington Post“ führt Obama mit 50 zu 42 Prozent, vor allem dank seines Rückhalts bei Frauen und Schwarzen – und weil er 19 Prozentpunkte Vorsprung hat bei der Frage, wer von beiden die Wirtschaftskrise lösen kann. Unter weißen Wählern liegt McCain dagegen mit 50 zu 42 Prozent vorn. Eine Umfrage der „New York Times“ zeigt, welche Rolle Rassenfragen bei dieser Wahl spielen. 64 Prozent der Schwarzen sehen Obama positiv, aber nur 31 Prozent der Weißen. Bei McCain sind es 35 Prozent der Weißen und nur 5 Prozent der Schwarzen. Die Weißen halten die Rassenbeziehungen heute für gut (55 Prozent), 59 Prozent der Schwarzen bezeichnen sie dagegen als schlecht.

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