US-Wahlkampf : Die Suche nach dem Schwung

Zwei Jahre ist Barack Obama im Amt – und bei der Kongresswahl am 2. November droht seinen Demokraten eine Niederlage. Deswegen reist der Präsident nach Ohio, immer und immer wieder. Wer hier die Wahl gewinnt, siegt landesweit, das bewährt sich seit mehr als hundert Jahren.

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Rückhalt. Präsident Barack Obama sucht seine Wähler in Ohio zu motivieren. Vor zwei Jahren gelang ihm das leichter. Foto: David R. Morris/Polaris/laif Foto: David Rae Morris/Polaris/laif
Rückhalt. Präsident Barack Obama sucht seine Wähler in Ohio zu motivieren. Vor zwei Jahren gelang ihm das leichter. Foto: David R....Foto: David Rae Morris/Polaris/laif

Vor einigen Tagen war der Präsident da. Und schenkte Seth Bringman für 40 Minuten das Gefühl, als könne sich doch noch alles einrenken. Vor der Hayes Hall auf dem weiten Gelände der Ohio State University in Columbus wartete er mit 35 000 Menschen auf Barack Obama, trotz der kühlen Abendtemperaturen. Es war dessen größte Tour seit der Wahlnacht im November 2008, als Millionen begeisterte Amerikaner ihn zum ersten dunkelhäutigen Präsidenten wählten.

Zum ersten Mal seit zwei Jahren war auch seine Frau bei einem Wahlkampfauftritt wieder an seiner Seite. Michelle Obama peitschte die Menge zu Sprechchören auf: „O-H-I-O, O-H-I-O“. Als sie fragte, „Leute, können wir es wieder tun?“, schallte es machtvoll zurück: „Yes, we can!“ Seth Bringman bekam eine Gänsehaut, wie damals.

Im Herbst 2010 ist die Lage freilich ganz anders als 2008. Das weiß Obama, das weiß auch Bringman, der 29-jährige Pressesprecher der Demokraten in Ohio. „Seien wir ehrlich, diesmal wird es ganz schwer“, hat der Präsident die 35 000 beschworen, seine Stimme schon ganz heiser von den vielen Wahlkampfauftritten. „Ich weiß, gefühlsmäßig liegt unser Sieg eine halbe Ewigkeit zurück. Viele von euch haben ihre Zweifel, wenn sie ,Yes, we can!’ hören. Vielen von euch ist die Begeisterung abhanden gekommen.“ Doch gerade jetzt müssten alle wählen gehen. Würden die Republikaner gewinnen, warnt Obama, kehre Amerika zu den falschen Wirtschaftsrezepten zurück, die das Land in die Krise gestürzt hätten.

Wer dem nationalen Stimmungsumschwung in zwei Jahren Obama nachspüren möchte, reist am besten nach Ohio. Der Staat ist eine Miniaturausgabe der Vielfalt der USA. Im Norden stehen an den Ufern des Eriesees Autofabriken und Stahlwerke. Die Region gehört zum „Rust Belt“, dem Rostgürtel, der unter veralteten Industriestrukturen leidet. Dort haben die Demokraten die Oberhand. Der Osten ist armes Farmland. Seine Bewohner stimmen genauso wie die im Süden des Staats, der in den frommen „Bible Belt“ überleitet, überwiegend republikanisch. In der Mitte dieser Einflusszonen liegt die Hauptstadt Columbus, eine rasch wachsende Dienstleistungsmetropole mit vielen Wechselwählern.

Dank dieser Mischung wählen die „Buckeys“ – die Rosskastanien, wie man die Einwohner Ohios in Anspielung auf ihr Staatssymbol nennt – ziemlich verlässlich so wie ganz Amerika. „As Ohio goes, so goes the nation“: Wer hier gewinnt, siegt landesweit. Diese Regel bewährt sich seit mehr als hundert Jahren. 2000 und 2004 stimmte Ohio für George W. Bush, 2008 für Obama.

Auch Machtwechsel im Parlament zeichnen sich hier zuverlässig ab. Alle zwei Jahre wird der Kongress neu gewählt, am 2. November ist es wieder so weit. 2006 trug Ohio dazu bei, dass die Demokraten die Mehrheit übernahmen – und 2008 diese Mehrheit ausbauten. 2010 bringt wohl die Gegenwelle: Sechs Kongresssitze hoffen die Republikaner den Demokraten in Ohio abzunehmen, mehr als in jedem anderen US-Staat.

Eines dieser Mandate hat Mary Jo Kilroy inne. 2006, in der ersten Welle der demokratischen Machtübernahme, war sie noch ganz knapp der langjährigen republikanischen Abgeordneten Deborah Pryce unterlegen. 2008 klappte es dann, als Pryce in Erwartung einer Niederlage nicht erneut antrat und die Republikaner einen Neuling aufstellten, Steve Stivers. Freilich war das Ergebnis wieder ganz eng. Mit 2311 Stimmen Vorsprung eroberte Kilroy den 15. Wahlbezirk zum ersten Mal seit 42 Jahren für die Demokraten. Nun wiederholt sich das Match gegen Stivers, einen 45-jährigen Banker und Reserveoffizier, der im Irak diente. Und die Umfragen geben diesmal ihm mehrere Prozentpunkte Vorsprung.

In Washington hat Kilroy loyal für Obamas Politik gestimmt: für das 800 Milliarden Dollar teure Konjunkturpaket; für das „Cap and Trade“-Gesetz zur Begrenzung der Treibhausgase, das vom Abgeordnetenhaus verabschiedet wurde, aber im Senat scheiterte; für die Gesundheitsreform und für die Verschärfung der Aufsicht über die Banken. Eingefleischte Demokraten finden das gut, das zeigt eine Wand mit Bekenntnissen von Unterstützern in ihrem Wahlkampfbüro. Es liegt am Rande eines Einkaufszentrums am Nordrand der Innenstadt von Columbus. „Ich wähle demokratisch, weil ...“, steht über der Zettelsammlung. Und auf den Papierausrissen darunter Sätze wie „weil jeder Mensch eine Krankenversicherung haben sollte“. Oder „... weil ich an eine Zukunft mit sauberer Energie glaube.“ Und: „... weil Demokraten das Glas halb voll sehen, und Republikaner meinen, das ganze Glas gehöre ihnen.“

Doch nur mit den Stimmen demokratischer Stammwähler kann Kilroy nicht gewinnen – und ebenso wenig ihr Konkurrent Steve Stivers allein mit den Stimmen der Republikaner. Über den Ausgang entscheiden Wechselwähler. Meinungsforscher analysieren, viele Obama-Wähler von 2008 wollten diesmal gar nicht teilnehmen oder für die Konservativen stimmen.

Auf dem Parkplatz der Mill-Run-Shopping-Mall am Westrand der Stadt hebt Deborah, Mitte 30, zwei Söhne im Vorschulalter aus den Kindersitzen ihres Geländewagens. Die Kongresswahl? Nein, die interessiert sie nicht sonderlich. 2008 hat sie für Obama gestimmt, aber der steht ja jetzt gar nicht auf dem Stimmzettel, erst 2012 wieder. Sie findet ihn weiter sympathisch. Im Rückblick erscheint ihr die Wende-Euphorie jedoch etwas naiv. Politik sei bei den Demokraten auch nicht weniger schmutzig und abstoßend.

Ihr Mann, der das Computersystem einer mittelständischen Firma betreut, hat, zum Glück, noch Arbeit. Aber seit zwei Jahren leben sie nun schon in Angst, dass er sie verlieren könnte, keine Besserung in Sicht. Die Arbeitslosenrate in Ohio liegt bei knapp elf Prozent, leicht über dem US-Durchschnitt. In Columbus dagegen bei neun Prozent, leicht darunter.

„Jobs, Jobs, Jobs“, ist das Hauptthema der Kampagne 2010 in Ohio, sagt James Nash, der seit fünf Jahren für die regionale Monopolzeitung „Columbus Dispatch“ über die Wahlkämpfe berichtet. Ideologische Fragen wie Abtreibung, Bibeltreue oder Homoehe spielten kaum eine Rolle, auch die Außenpolitik nicht. Und ebenso wenig marktschreierische „Tea-Party“-Kandidaten, die anderswo Schlagzeilen machen. Typisch für Ohio sei bisher „der Machtwechsel zwischen moderaten Demokraten und moderaten Republikanern“ gewesen.

2010 machten sich die Bürger Gedanken, wie die Wirtschaft wieder in Gang kommen könnte, deshalb sei der Trend republikanisch, sagt Nash. Erstens sei die Lage schlecht. Das treffe die Demokraten, weil die seit den Wahlen 2006 und 2008 die meisten politischen Machtpositionen in Ohio und auf nationaler Ebene innehaben. „Zweitens haben die Menschen ein kurzes Gedächtnis.“ Der Name Bush klinge heute nicht mehr so negativ wie 2008. Für die aktuellen Nöte machten viele Obama und Nancy Pelosi, die demokratische Präsidentin des Abgeordnetenhauses, verantwortlich.

Im Rennen um den Senatssitz von Ohio führt der Republikaner Rob Portman mit rund 20 Prozentpunkten vor dem Demokraten Lee Fisher. Dabei war Portman aufs Engste mit Bushs Wirtschaftspolitik verbunden, er war erst dessen Handelsminister, dann dessen Verantwortlicher für die Staatsfinanzen. Und im Kampf um den Gouverneursposten – die Wahl findet zeitgleich statt – liegt der demokratische Amtsinhaber Ted Strickland acht bis zehn Prozentpunkte hinter dem Republikaner John Kasich. Dabei ist Strickland ein rechter Demokrat, selbst die Waffenlobby NRA hat zu seiner Wahl aufgerufen. Und Kasich arbeitete lange für Lehman Brothers, die Investmentbank, deren Zusammenbruch 2008 die globale Finanzkrise auslöste.

Angesichts des Vorsprungs sei Kasich der klare Favorit, sagt Nash. Aber entschieden sei das Rennen nicht. Wie viele andere Bundesstaaten ist auch Ohio seit einigen Jahren dazu übergegangen, „Early voting“ zu erlauben: Wer will, darf bereits in den 35 Tagen vor dem Wahltag seine Stimme abgeben, persönlich oder per Briefwahl. Wie schon 2008 haben auch 2010 mehr Demokraten als Republikaner davon Gebrauch gemacht.

Die Demokraten setzen auf ihre Organisationskraft in Ohio. 2,4 Millionen Bürger haben sich als Demokraten registriert, 1,5 Millionen als Republikaner. Von angeblich mangelndem Enthusiasmus könne er nichts bemerken, sagt Pressesprecher Bringman. „Wir haben 300 bezahlte Wahlkampfhelfer und 20 000 Freiwillige.“ Das sei deutlich mehr als bei der siegreichen Kongresswahl 2006 und nur geringfügig weniger als 2008 bei der Präsidentschaftswahl, die stets eine größere Zahl von Bürgern mobilisiere. Traditionell habe Ohio „die schlagkräftigste Get-the-vote-out-Organisation aller US-Staaten“. Am Ende zählen nicht Umfragen und Sympathien, sondern abgegebene Stimmen.

„Get the vote out“ ist eine Strategie, die eigenen Anhänger an die Urnen zu bringen. Aus öffentlich zugänglichen Statistiken weiß man, wer bei den letzten Wahlen abgestimmt hat und wer nicht. Diese Informationen gleichen Bringmans Leute mit ihren Unterlagen über ihre Anhänger ab – und bombardieren dann jene potenziellen Unterstützer, die als zögerlich gelten, mit Anrufen und Hausbesuchen.

Stolz erlaubt Bringman einen kurzen Blick in „die Kommandozentrale“ im Keller des Parteihauptquartiers: ein fast turnhallengroßer Raum mit zwei Reihen von je sechs länglichen Tischen, an denen 60 bis 70 Helfer im Alter zwischen 25 und 35 mit Laptops und Telefonen hantieren. „Hier vorn sitzen die Leute vom Data-Team, die entscheiden, wen wir ansprechen müssen. Da drüben die Medienabteilung. Hinten unsere Juristen, die Einspruch einlegen, falls irgendwo Unregelmäßigkeiten gemeldet werden.“

Bringman sagt es nicht offen, aber: Ohios Demokraten haben das Werben um Wechselwähler 2010 aufgegeben. Ihre Priorität ist, die eigenen Anhänger ins Wahllokal zu bringen – je früher, desto besser. Dann müssen sie sich am eigentlichen Wahltag nicht mehr um so viele Zögerliche bemühen.

Ein Eindruck, der sich an einem Abend im Gemeindezentrum von Upper Arlington County bestätigt, einem Vorort am nördlichen Stadtrand. Dort wohnen Amerikaner mit überdurchschnittlicher Ausbildung und überdurchschnittlichem Einkommen. Alle Kandidaten waren eingeladen, sich vorzustellen. Die Demokratin Kilroy ist nicht gekommen. Sie lässt sich mit einem Krankheitsfall in ihrer Familie entschuldigen. „Sie weiß, dass sie hier wenig zu gewinnen hat“, kommentiert Ann, eine Ärztin Ende 30, die sich selbst als „typische Wechselwählerin“ einschätzt. Für sie heißt das in diesem Jahr, ihre Stimme zu splitten. Für den Kongress wählt sie republikanisch. Obamas Gesundheitsreform sei überhastet durchgepeitscht worden und voller handwerklicher Fehler. Die müssen korrigiert werden. Und Kilroy sei ihr „ein bisschen zu links“. In den Landtag von Ohio wählt Ann hingegen den Demokraten Ted Celeste.

Schon am Wochenende wird Obama erneut nach Ohio kommen, zum 12. Mal seit 2009. Wenn er die konservative Wende hier aufhalten kann, dann vielleicht auch anderswo. As Ohio goes, so goes the nation.

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