US-Wahlkampf : Die Wurzelbacher-Verschwörung

Klempner Joe steht im US-Wahlkampf als Symbol für die vermeintlich bösen Steuer-Pläne Obamas. Er schaffte es bis in das letzte TV-Duell. Doch so mancher Blogger zweifelt daran, dass Joe von sich aus handelte - da könnte doch McCain dahinter stecken ...

Michael Hörz
Obama Klempner Joe
Holland, Ohio: Barack Obama im Gespräch mit Klempner Joe. -Foto: Getty

Joe der Klempner ist in den USA derzeit der drittbekannteste Mann, nach Barack Obama und John McCain. Denn Joe Wurzelbacher, wie er mit vollem Namen heißt, hat Obama vor einigen Tagen in Ohio auf dessen Steuerpläne angesprochen. Das Video davon schaffte es in die Fernsehnachrichten, und im letzten TV-Duell sprachen Obama und McCain ihn persönlich an.

Die Ausgangssituation: Joe ging in Holland, Ohio, auf Obama zu und erklärte umfangreich, dass er demnächst vorhabe, den Klempnerbetrieb zu kaufen, für den er seit Jahren arbeite. Er befürchtet, dass er unter Obama deutlich mehr Steuern zahlen müsste, weil dieser höhere Steuern für Menschen mit über 250.000 Dollar Einkommen plant. Obama erklärte ihm zwar, dass er kaum davon betroffen sei, weil die drei Prozent höheren Steuern nur ab 250.000 Euro netto greifen würden. Aber Joe missfielen die Pläne trotzdem.

Im Auftrag von McCain?

Seit dem Zusammentreffen geistert Joe durch die Medien. In der TV-Debatte am Mittwochabend sprachen McCain und Obama Joe direkt im Fernsehen an und versuchten, ihm ihre Pläne schmackhaft zu machen. Für Joe steht aber auch nach der Debatte fest, dass McCain sein Mann ist, was er in einer Art Youtube-Heimvideo wortreich erklärt.

"This smells a bit funny", denkt sich jetzt der eine oder andere Amerikaner. McCain verliert wegen der Finanzkrise seit Tagen Boden in den Umfragen. Da kommt plötzlich dieser hart arbeitende Handwerker, der punktgenau auf einen kritischen Aspekt von Obamas Steuerplänen hinweist, nämlich gut verdienende Mittelständler.

Joe wird nicht müde, sämtlichen konservativen Medien Interviews zu geben. Dass alle so leicht an ihn herankommen, lässt Skeptiker weiteren Verdacht schöpfen. In einem Interview mit einer ultrakonservativen Website offenbart Joe, dass er derzeit in einem Zwei-Mann-Betrieb arbeitet. Und dass er sich vorstellen könnte, eventuell in Zukunft weitere Mitarbeiter einzustellen. Blogger und Kommentatoren fragen sich, wie ein so kleiner Betrieb so gewaltige Umsätze macht und merken an, dass ein durchschnittlicher Klempner etwa 70.000 Dollar pro Jahr verdient.

Spekulationen in rauen Mengen

Verschwörungstheoretiker spekulieren nun, dass Joe gar kein Klempner ist, sondern ein Verwandter eines Republikaner-Fans, der in einen Finanzskandal verwickelt war. In dem noch dazu John McCain eine unrühmliche Rolle spielte. Blogger BlueGA von dailykos.com versucht herauszufinden, was der mögliche Verwandte Robert M. Wurzelbacher macht. Und stellt fest, dass Wurzelbacher Nummer zwei in der Vergangenheit sattsam für die Republikaner spendete.

Weiter findet er heraus: In Ohio sind drei Firmen auf Joseph Wurzelbacher eingetragen, alle in der gleichen Straße in Cincinatti, Ohio. Sie sind eine Baufirma, eine Investitionsfirma und ein Malerbetrieb, schreibt Blogger BlueGA. Kleines Problem an den Spekulationen: "Unser" Wurzelbacher will die Firma vielleicht kaufen, besitzt sie allerdings noch nicht. Und er sagt in den Interviews, dass er in Toledo wohnt, nicht in Cincinatti. Unter BlueGAs Eintrag schießen jedenfalls die Vermutungen ins Kraut.


Das ursprüngliche Treffen zwischen Obama und Joe Wurzelbacher. - Quelle: Youtube.com

Dutzende User nennen jeden Joe oder Joseph Wurzelbacher, den sie in Ohio finden können. Das Problem dabei ist allerdings: Es gibt in Ohio mindestens 45 Wurzelbachers, und auch mehrere Joe(sephs). Speziell in Toledo oder Holland, Ohio, ist allerdings keiner von ihnen zu finden. Dort gibt es bloß einen Robert L. Wurzelbacher, der ins Alterprofil von Joe passt. Ist Joe also in Wirklichkeit Bob? Andere bemerken stolz, sie könnten online keine Spur von Wurzelbachers Klempner-Lizenz finden, die man auch dann braucht, wenn man keinen Betrieb führt. Ben Smith vermutet auf dem Blog Politico.com zwischendurch auch noch, dass Joe Wurzelbacher gar nicht im Wählerregister steht. Und das, obwohl er so von McCain überzeugt ist.

Sehr viele Leute sind noch im Laufe TV-Duell-Abends bemüht, etwas über Wurzelbacher herauszufinden. In den Kommentaren des Redaktionsblogs der ABC-Nachrichtensendung Nightline meldet sich ein User, der online in den Gerichtsakten von Ohio nachrecherchiert hat. Er sagt: Es gibt einen Samuel Joseph Wurzelbacher, der eine Steuerschuld von 1183 Dollar hat und in einem Außenbezirk von Toledo, Ohio lebt. Und der soll den Gerichtsakten zufolge 34 Jahre alt sein. Jedenfalls eine pikante Note für den Mann, der über die Übernahme einer 250.000-Dollar-Klitsche nachdenkt.

Joe existiert, ist aber kein Klempner!

Eine Auflösung der ganzen Spekulationen bringt ein Bericht der Lokalzeitung "Toledo Blade", die immerhin schon einmal mit einem Pulitzer-Preis ausgezeichnet wurde. Die Journalisten haben Wurzelbacher zu Hause besucht und während des TV-Duells neben ihm gesessen. Unser Anruf in der Redaktion ergibt: Der Herr existiert tatsächlich, er wohnt unter diesem Namen in Springfield Township, einem westlichen Vorort Toledos. Die Redakteurin löst auch vorerst das Rätsel des Wählerregisters: Samuel Joseph Wurzelbacher ist dort falsch als Worzelbacher eingetragen, und scheint sich darum zu bemühen, das zu ändern. Inzwischen hat die Nachrichtenagentur AP herausgefunden, dass Joe weder eine Klempnerlizenz in Toledo besitzt, noch eine Klempnerlehre gemacht hat. Wurzelbacher erklärt das damit, dass er für einen anderen arbeitet, der eine Lizenz hat. Die Bauinspektion von Toledo erklärt aber, dass Joe trotzdem eine Lizenz bräuchte. Mit anderen Worten, Joe ist derzeit gar kein Klempner.

Unser Zwischenfazit: Joe the Plumber gibt es wirklich, er ist kein Schauspieler, der extra für diesen Job angeheuert wurde. Allerdings ist es immer noch vorstellbar, dass McCains Wahlkampfteam Wurzelbacher gezielt vorbereitet hat, um Obama in Ohio vor laufenden Kameras in die Bredouille zu bringen. Die Blogger in den USA werden dem nachgehen...



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