US-Wahlkampf : Mitt Romney vor dem letzten TV-Duell im Aufwind

Barack Obama unter Druck: Staat um Staat verliert er Umfragen zufolge an Romney. Im letzten TV-Duell geht es heute um Außenpolitik – und damit auch um Iran.

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Es wird eng für Barack Obama. Vor zehn Tagen hat Herausforderer Mitt Romney die Führung in den nationalen Umfragen übernommen. Nun kommt kurz vor der dritten und letzten TV-Debatte an diesem Montagabend eine weitere Hiobsbotschaft für den Präsidenten hinzu: Erstmals führt Romney bei der Zahl der Wahlmänner aus den mutmaßlich „sicheren“ Staaten. Als „sicher“ gelten Staaten, in denen eine Seite so deutlich führt, dass dieser Vorsprung die statistische Fehlerquote der Umfragen übersteigt. In der Berechnung steht es jetzt 206 zu 201 für den Republikaner.

In der TV-Debatte soll es um Außenpolitik gehen. Ausgerechnet jetzt wartet die „New York Times“ mit einer Sensation auf: Die USA und der Iran hätten sich auf direkte Gespräche über das Atomprogramm geeinigt. Die Informationen stammen angeblich aus der US-Regierung, doch das Weiße Haus dementiert die Geschichte. Es ist unklar, wem die Neuigkeit, wenn sie denn stimmt, hilft: Obama oder Romney? Die Zeitung behauptet, es nütze Obama, wenn er zu Verhandlungen bereit sei, um einen Krieg zu verhindern; Romney lehnt direkte Gespräche mit dem Iran ab. Amerikanische Wähler bevorzugen jedoch nach aller Erfahrung eine Position der Stärke gegenüber Gegnern wie dem Iran. Als Obama im Wahlkampf 2008 Gesprächsbereitschaft ankündigte, schadete ihm das in den Umfragen. Auch 2012 ist dies kein Thema, mit dem er automatisch punkten kann.

Zudem kommt es im US-Wahlsystem nicht darauf an, wer die meisten Stimmen landesweit erringt. Die Wahlmänner sind die entscheidende Währung der Macht. In jedem Bundesstaat wird einzeln ausgezählt, der Sieger dort erhält alle Wahlmänner dieses Staats – egal, wie groß oder klein der Sieg ausfiel. Ihre Zahl richtet sich nach der Einwohnerzahl und reicht von drei für das bevölkerungsarme Wyoming bis 55 für das einwohnerstarke Kalifornien. 538 Wahlmänner gibt es. 270 sind nötig, um Präsident zu werden.

Das zweite TV-Duell zwischen Obama und Romney in Bildern
Das war wohl keine Absicht: In strahlendem Pink traten sowohl Michelle Obama als auch Ann Romney bei der zweiten TV-Debatte auf.Weitere Bilder anzeigen
1 von 17Collage: Tsp; Fotos: AFP
17.10.2012 04:00Das war wohl keine Absicht: In strahlendem Pink traten sowohl Michelle Obama als auch Ann Romney bei der zweiten TV-Debatte auf.

Regelmäßig kommt es vor, dass ein Präsident die Mehrheit der Wahlmänner gewinnt, nicht aber die Mehrheit der abgegebenen Stimmen. 2000 galt das für George W. Bushs Sieg über Al Gore. 2012 rechnen inzwischen viele Demoskopen damit, dass Obama den Kampf um die Stimmenmehrheit verliert. Wenn er Glück hat, verteidigt er aber seinen Vorsprung unter den Wahlmännern. Sicher ist das aber längst nicht mehr.

Reaktionen auf das TV-Duell
Aus dem zweiten TV-Duell ging Präsident Obama als Sieger hervor: Das bescheinigten ihm die Umfragen. Doch die Anhänger Romneys fanden auch für dessen Auftritt lobende Worte. Die Reaktionen auf das TV-Duell in Bildern.Alle Bilder anzeigen
1 von 6Foto: AFP
17.10.2012 10:23Aus dem zweiten TV-Duell ging Präsident Obama als Sieger hervor: Das bescheinigten ihm die Umfragen. Doch die Anhänger Romneys...

Über Monate hatte Obama bei der Zahl der sicheren Wahlmänner geführt, ungefähr im Verhältnis 220 zu 180. Das galt selbst dann noch, als Romney nach seinem souveränen Auftreten in der ersten Fernsehdebatte am 3. Oktober die Führung in den nationalen Umfragen errang.

Von 38 Staaten weiß man zumeist von vornherein, wie sie wählen: garantiert republikanisch wie Alaska, Texas und die übrigen Südstaaten. Oder ganz sicher demokratisch wie Kalifornien, New York, und die Neuenglandstaaten. Den Ausschlag geben sogenannte „Swing States“, die mal die eine, mal die andere Seite bevorzugen. Ihre Zahl liegt je nach Wahljahr zwischen sieben und zwölf. Die zwei wichtigsten sind Florida und Ohio; neuerdings muss man auch auf Colorado, New Hampshire und Virginia achten.

Seit Anfang Oktober verlor Obama fünf Staaten, in denen er zuvor „sicher“ führte: Michigan, New Hampshire, Ohio, Pennsylvania, Wisconsin. Sie gelten seither als „unentschieden“. In der vergangenen Woche wurde außerdem North Carolina von einem unentschiedenen Staat in einen sicheren Pro-Romney-Staat umgestuft. Parallel übernahm der Republikaner in mehreren „Swing States“, in denen zuvor Obama mit teils über zwei Prozentpunkten vorne lag, die Führung, darunter Colorado, Florida, New Hampshire und Virginia. Alles in allem ergibt sich ein Bild, in dem Obama seit drei Wochen kontinuierlich Boden an Romney verliert.

Im Moment räumen die Demoskopen dem Präsidenten noch eine etwas bessere Siegchance ein als Romney. Wenn sie die regionalen Umfrageergebnisse zum Nennwert nehmen, siegt Obama mit 277 zu 261 Wahlmännern. Doch wie viel Verlass ist auf Staaten, in den die Fehlerquote der Umfrage rund doppelt so hoch ist wie die gemessene Führung einer Seite? Diese Unsicherheit haben beide. Romney hat freilich den Trend auf seiner Seite. Obama muss in der Fernsehdebatte heute Abend punkten, um die Dynamik zu wenden.

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