US-Wahlkampf : Obama auf der Zielgeraden

Hillary Clinton hat ihre letzte Chance verpasst, den schwarzen Senator zu überflügeln – wann gibt sie auf?

Christoph von Marschall
Barack Obama Foto: AFP
Barack Obama. -Foto: AFP

WashingtonEine Nacht hat alles verändert. Bis Dienstagabend war Barack Obamas begrenzte Popularität in der Arbeiterklasse das Gesprächsthema der US-Medien. Der Favorit strauchelte, seine Präsidentschaftsbewerbung war in einer schweren Krise, weil er eine Kernwählergruppe seiner Partei offenbar nicht gewinnen konnte. Seit Mittwochmorgen richten sie die Zweifel gegen Hillary Clinton. Nach seinem Sieg bei der Vorwahl in North Carolina und ihrem schwachen Abschneiden in Indiana ist Obama auf der Zielgeraden. Er gilt jetzt als der sichere Kandidat der Demokraten. Wann gibt sie auf, fragen Kommentatoren. Die „New York Times“ urteilt auf der Titelseite: "Ihre Optionen schwinden".

Dazwischen lag eine Nacht, die nichts für schwache Nerven war. Um 18 Uhr 30 hatten die Wahllokale in Indiana, einem Industriestaat in einer Strukturkrise im Mittleren Westen, geschlossen. Die ersten Teilergebnisse zeigen 20Prozent Vorsprung für Clinton. Das muss nicht viel besagen. Die dünn besiedelten Wahlkreise auf dem Land werden zuerst ausgezählt, sie sind Clinton-Territorium. Doch der frühe Trend passt so gut zur Erwartungshaltung: Wie in Pennsylvania zwei Wochen zuvor werde Clinton besser abschneiden, als die Umfragen vorhersagen. Die weiße Unterschicht habe Rassenvorbehalte gegen den schwarzen Kandidaten, sage das den Meinungsforschern aber nicht. Die Kontroverse um die zornigen Predigten von Obamas schwarzem Pfarrer – „God damn America!“ – schade ihm weiter. Und Clintons populärer Vorschlag, die Benzinsteuer in der Ferienzeit auszusetzen, werde verfangen.

Clintons Vorsprung schmilzt

Doch je länger der Abend fortschreitet, desto kleiner wird ihr Vorsprung in Indiana. Um Mitternacht sieht es sogar so aus, als werde er sie dort noch überholen. Am Ende liegt sie mit weniger als zwei Prozentpunkten vorn. Ihr Wahlkampfstil und ihre Angriffe auf den Parteifreund Obama stoßen offenbar viele Wähler ab.

Zum Paukenschlag wird North Carolina. Bereits in der Minute, in der die Wahllokale schlossen, erklären die Fernsehanstalten Obama dort zum Sieger. Das passiert nur selten in den USA, sie mussten sich also dank der Befragung von Wählern äußerst sicher sein. In North Carolina stellen Schwarze gut 20Prozent der Bevölkerung und sogar ein Drittel der Wähler der Demokraten dort. Sie stimmten zu über 90 Prozent für Obama. Er schnitt auch unter weißen Arbeitern besser ab als zuvor in Ohio oder Pennsylvania. Mit 14 Prozent Vorsprung gewinnt Obama diesen letzten großen Staat in den Vorwahlen.

Eigentlich müssten die Ergebnisse den Demokraten zu denken geben. Sie bestätigen die Spaltung der Partei in den Bürgerrechtsflügel, der Obama zuneigt, und den Arbeiterflügel, der zu Clinton tendiert. Um im Herbst gegen die Republikaner zu gewinnen, müssen die Demokraten geeint auftreten. Das erscheint angesichts der gegenseitigen Verletzungen bei der hart ausgetragenen innerparteilichen Kandidatenkür schwierig. Die Spaltungslinien sind vielfältig. Rasse, Klasse, auch Alter: Bürger über 65 stimmen zu mehr als 70 Prozent für Clinton, Wähler unter 30 zu mehr als 60 Prozent für Obama.

Kandidatur wird vorgesetzt

Und so ruft der Sieger zur Versöhnung auf, als er um 21 Uhr 10 vor die Kameras tritt. Als Erstes gratuliert er Hillary zu ihrem „augenscheinlichen Erfolg“ in Indiana, der zu diesem Zeitpunkt noch fraglich ist. Erst dann bedankt er sich bei seinen Wählern. In seiner Rede erinnert Obama daran, zu welchen Leistungen Amerika fähig sei, wenn die Gesellschaft das kleinliche Gezänk überwinde. „Die Leute sagen: Hillarys Anhänger werden im Herbst nicht für mich stimmen – und meine Fans nicht für sie, wenn sie die Kandidatin wird. Ich glaube das nicht. Es geht bei dieser Wahl nicht um Hillary oder mich. Es geht um Größeres: um Euch und die Zukunft Amerikas.“ Die Wirtschaft ist in einer Krise, das Land steckt in zwei Kriegen, die Erde ist vom Klimawandel bedroht, das US-Gesundheitssystem ist kaputt. Da dürfen die Republikaner nicht abermals die Wahl gewinnen. „Ich liebe dieses Land, und ich glaube an seine Fähigkeit, sich selbst zu verbessern.“ Der Saal antwortet: „Yes, we can!“

Hillarys Auftritt zwei Stunden später wirkt trotzig. Sie sieht sich „full speed“, mit Höchstgeschwindigkeit, auf dem Weg ins Weiße Haus. Sie gratuliert Obama nicht, spricht vielmehr davon, dass sie seinen Erfolg „respektiere“. Neben ihr steht ihre Tochter Chelsea, den Tränen nahe. Hinter ihr Ehemann Bill mit versteinerter Miene. Später sagt sie, dass sie ihre Kandidatur aufrecht erhält.

Am Mittwoch wird bekannt, dass Hillary das Geld ausgeht. Sie hat erneut mehrere Millionen aus ihrem Privatvermögen eingesetzt, um das Rennen fortsetzen zu können. Und ihre Parteigänger versuchen die Regeln zu ändern: Für die Nominierung reichten die festgelegten 2025 Delegierten nicht, es müssten 2209 sein, sagen sie nun mit Blick auf Florida und Michigan, die wegen Regelverstößen nicht gezählt werden. Barack Obama hat jetzt laut AP 1840 beisammen.

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