US-Wahlkampf : Obama-Show auf Facebook

Als "Masseninterview" wurde es angekündigt: US-Präsident Obama wollte sich den Fragen von Facebook-Nutzern stellen. Am Ende der 70-minütigen Veranstaltung mit Stichwortgeber Mark Zuckerberg stand eine größtenteils enttäuschte Internetgemeinde.

Sven Malzahn
Barack Obama und Mark Zuckerberg.
Barack Obama und Mark Zuckerberg.Foto: AFP

Barack Obama hat Anfang April seine Ambitionen für eine zweite Amtszeit bekannt gegeben und muss nun genau wie vor drei Jahren viele junge Leute begeistern. Sein Besuch am Mittwoch im Hauptquartier des Internetgiganten Facebook in Palo Alto im kalifornischen Silicon Valley bot dazu Gelegenheit.

Ein sogenanntes Masseninterview wurde weltweit per Video ins Internet übertragen. Wer eine Frage an den Präsidenten hatte, konnte sie direkt auf eine speziell eingerichtete Seite bei Facebook schreiben oder über ein Formular auf der Website des Weißen Hauses einreichen. Welche Fragen dem Präsidenten gestellt wurden, entschied allerdings Facebook.

Moderiert wurde die Veranstaltung vor einigen hundert Facebook-Mitarbeitern von Konzerngründer Mark Zuckerberg höchstpersönlich, einem der reichsten US-Amerikaner - laut "Forbes" beläuft sich sein Vermögen auf rund 13,5 Milliarden Dollar. Für den 26-Jährigen offenkundig eine außergewöhnliche Situation, in seiner Ansprache hatte er gleich einen Aussetzer und erklärte: "Ich bin nervös. Wir haben schließlich den Präsidenten der Vereinigten Staaten hier."

Zuckerberg hatte anlässlich des Treffens mit Obama sein T-Shirt gegen ein weißes Hemd mit Krawatte getauscht. Obama ließ sich davon zu einem Kommentar verleiten: "Ich heiße Barack Obama und bin der Typ, der Mark dazu gebracht hat, Hemd und Krawatte zu tragen", sagte er. Zuckerberg zeigt sich gewöhnlich in Jeans und T-Shirt oder Pullover.

Obama schlug darauf vor, die Sakkos auszuziehen und begann, die Hemdsärmel hochzukrempeln. Medienwirksam schien er sich an die Arbeit machen zu wollen.

Der Schuldenabbau und die Wirtschaftspolitik sollten die Hauptthemen der Diskussionsrunde sein, und die erste Frage kam von Mark Zuckerberg selbst: "In welchen Bereichen kann es Kürzungen und Einsparungen geben?" Obama wiederholte seine bekannten Positionen: Weniger Schulden machen durch Ausgabenkürzungen, aber nicht zu Lasten junger Leute, der Älteren und Bedürftigen, und durch Steuererhöhungen für die Reichen. Seine Antwort uferte allerdings in einen fast 15-minütigen Monolog aus, an dessen Ende ein zögernder, fast aufatmender Applaus im Saal stand.

Nur vier Fragen aus der Internetgemeinde

Etwa 70 Minuten dauerte die Veranstaltung, in deren Verlauf acht Fragen gestellt wurden, jeweils abwechselnd von Facebook-Mitarbeitern im Saal und von Internetnutzern. Die Fragen aus dem Internet trug Mark Zuckerberg vor.

Rund 45.000 Facebook-Nutzer hatten sich in die Diskussion eingeklinkt. Viele zeigten sich in ihren Kommentaren enttäuscht, dass letztendlich nur vier Fragen aus ihren Reihen gestellt wurden. "Warum so viele Fragen von Facebook-Mitarbeitern?", fragte ein Nutzer. "Der Präsident sollte zum Volk sprechen und nicht zu den Angestellten des Konzerns, der die Veranstaltung sponsort."

Obama ging zu Beginn der Diskussion auf den Schuldenabbau ein. Spätestens seit der Drohung der Rating-Agentur Standard & Poor's, den USA die Bestnote für die Kreditwürdigkeit zu entziehen, ist das hohe Defizit vollends ins Zentrum der politischen Diskussion vor der Präsidentenwahl 2012 gerückt. Obama will die Neuverschuldung in den kommenden zwölf Jahren mit Einsparungen und Steuererhöhungen für Reiche um insgesamt vier Billionen Dollar reduzieren. Diesen Plan lehnen die Republikaner jedoch strikt ab - ihrer Ansicht nach könnten Steuererhöhungen die wirtschaftliche Erholung abwürgen.

Der US-Präsident thematisierte aber auch wiederholt den Kampf um die Reform des Gesundheitssystems, sprach über Ausbildung und Einwanderungspolitik. "Amerika ist ein Einwanderungsland, und das macht uns stark", sagte er.

Erst die letzte Frage der Veranstaltung ließ Obama für einen Moment zögern. Eine Facebook-Nutzerin wollte wissen, was Obama rückblickend auf seine bisherige Präsidentschaft gerne anders gemacht hätte. Der Präsident erklärte, dass es ihm nicht immer gelungen sei, Sachverhalte oder politische Ziele so zu erklären, wie er es sich gewünscht hätte. Er wandelte die Frage aber schließlich dahingehend ab, dass es ihn eher interessieren würde, was er noch tun müsse - und endete mit der Forderung, große Mineralölkonzerne wie Exxon oder Shell müssten mehr Steuern zahlen.

Ein "Hoodie" für den Präsidenten

Zum Abschluss schenkte Zuckerberg dem Präsidenten einen Kapuzenpullover - natürlich mit der Aufschrift "Facebook" - und Obama nahm noch einmal ein Bad in der Menge der Facebook-Mitarbeiter und schüttelte viele Hände. Obama kehrte mit der Veranstaltung sozusagen zu seinen Wurzeln zurück. Im Präsidentschaftswahlkampf 2008 hatte er sich das Internet zunutze gemacht wie zuvor kein anderer Kandidat: Er sammelte einen großen Teil seines Wahlkampfspenden auf diesem Wege und schuf sich eine große junge Fangemeinde, die dann maßgeblich zu seinem Sieg beitrug. Mittlerweile fühlen sich aber viele seiner Gefolgsleute aus dieser wichtigen Bevölkerungsgruppe enttäuscht und ernüchtert. Obamas Auftritt galt daher auch als Versuch, junge Wähler zurückzuerobern.

Ob ihm das gelungen ist, bleibt abzuwarten. Im Internet waren die Reaktionen auf die Veranstaltung gespalten. Obama bekam zwar aufmunternde Kommentare von Unterstützern, viele bezeichneten die Aktion allerdings als reines Showevent, das kaum zur Klärung kritischer Fragen beigetragen habe. (mit dpa/AFP/rtr)

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