US-Wahlkampf : Operation Kleinstadt

Um bei der weißen Arbeiterschaft zu punkten, geht Barack Obama nun gezielt in bestimmte ländliche Regionen.

Christoph von Marschall[Washington]
Obama
Obama will in der Republikaner-Hochburg Virginia im Süden punkten. -Foto: AFP

Eine Woche vor der US-Präsidentenwahl am 4. November führt Barack Obama im Schnitt der nationalen Umfragen mit 7,6 Prozentpunkten vor John McCain. Noch eindrücklicher wird der Vorsprung des Demokraten beim Blick auf die Karte mit den Präferenzen der 50 Bundesstaaten. Obama liegt in wichtigen Staaten in Führung, die 2000 und 2004 an den Republikaner George W. Bush fielen, darunter Ohio im Industriegebiet rund um die Großen Seen, in Colorado, Nevada und New Mexiko weit im Westen sowie in Florida und Virginia im Süden.

Einer der wichtigsten Wendestaaten ist Virginia. Seit 1964 hat dort kein Demokrat mehr in einer Präsidentenwahl gewonnen, Bush siegte 2000 und 2004 mit je gut acht Prozent Vorsprung. Obama führt jetzt mit 7,2 Prozent. Sein Erfolgsrezept: Präsenz zeigen, nicht nur in den großen Städten, sondern auf dem Land, wo kaum ein Spitzenpolitiker auftaucht. Mehrfach war er in Bristol, an der Grenze zu Tennessee – und ebenso in Lebanon, einer Kleinstadt von 3200 Einwohnern im Südwesten Virginias, die Anschluss an die Moderne sucht und auf neue Jobs in der Internetökonomie hofft. Seit Jimmy Carter 1976 zu Besuch kam, hat kein Präsidentschaftskandidat sich mehr in Lebanon blicken lassen.

Obama hat einen neuen Spendenrekord in der Geschichte der USA erzielt – mehr als 600 Millionen Dollar waren es inklusive der Einnahmen im September. Das viele Geld hat er neben der TV-Werbung in flächendeckende Organisation gesteckt. Allein in Virginia unterhält er 42 Wahlkampfbüros, bei McCain sind es deutlich weniger. Obamas Unterstützer helfen Bürgern, sich in die Wählerlisten einzutragen – in einem Land ohne Meldewesen ist das die Voraussetzung, um das Stimmrecht auszuüben. Die lokale Kampagne wirbt um die Honoratioren.

Als Obama kürzlich nach Lebanon kam, warb Ralph Stanley für den Kandidaten, ein hierzulande berühmter 81-jähriger Bluegrass-Musiker. Nach ihm versicherte Cecil Roberts, der Chef der Bergarbeitergewerkschaft, dass die Kumpel Obama vertrauen dürfen. Rick Boucher, der die Region im US-Kongress vertritt, malte aus, wie Lebanon von einem Regierungswechsel profitieren werde.

Dann folgte Obama. Scharf ging er mit Bush ins Gericht, dem Irakkrieg, der Wirtschaftskrise, der Schere zwischen Arm und Reich. Ebenso wichtig war aber der Redeteil, in dem er von seiner Familie erzählte: der alleinerziehenden Mutter, die zeitweise auf staatliche Unterstützung mit Lebensmittelgutscheinen angewiesen war; dem weißen Großvater aus Kansas, der im Weltkrieg mit General Pattons Armee in Europa kämpfte; und der weißen Großmutter, die derweil am Fließband der Rüstungsbetriebe stand. Es sind Geschichten, wie sie die Bürger in Lebanon aus ihren eigenen Familien kennen. Das mindert die innere Ferne zu diesem Kandidaten, der etwas anders aussieht als die bisherigen Präsidenten. Als eine junge Frau wissen will, was er für Lebanon tun könne, rattert Obama eine Liste von Breitbandinternet bis Biotreibstoffe herunter.

Die weiße Arbeiterschaft ist die soziale Gruppe, in der die Demokraten 2000 und 2004 die Wahl verloren. 25 Prozentpunkte lag Bush bei weißen Arbeitern vor John F. Kerry, bei Weißen insgesamt 17 Prozentpunkte. Anfangs schien es, als werde Obama in dieser Schicht noch größere Probleme haben, wegen seiner Hautfarbe, aber auch, weil er manchmal zu professoral wirkt. Als abgehobenen Harvard-Intellektuellen verspottete ihn Hillary Clinton in den Vorwahlen und gewann den Kampf um die Arbeiter.

Obamas Strategie, viel Wahlkampfzeit auf Kleinstädte in umkämpften Staaten zu konzentrieren, trägt offenbar Früchte. Die Umfragen sehen ihn unter weißen Wählern nur acht bis zehn Prozentpunkte hinter McCain, den Vorsprung unter Minderheiten hat er ausgebaut. Die demografische Entwicklung hat Obamas Griff nach Virginia begünstigt. Der an Washington grenzende Norden, der schon lange zu den Demokraten tendiert, hat durch Zuzug von Pendlern, die in der Bundeshauptstadt arbeiten, an Gewicht gewonnen, der republikanische Süden an Bedeutung verloren. Obama nutzt diesen Trend. Siegt er in Virginia, ist ihm der Einzug ins Weiße Haus kaum zu nehmen.

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