Politik : US-Wahlkrimi: Bushs Vorsprung in Florida schmilzt

Im Streit um die Stimmauszählung nach der US-Wahl in Florida hat der demokratische Präsidentschaftskandidat Al Gore inzwischen die Nase vorn. Überraschend sprach sich am Sonntag die Wahlkommission von Palm Beach dafür aus, die Stimmen im gesamten Wahlbezirk manuell auszählen zu lassen. Eine Handauszählung von Stichproben rechtfertige diesen Schritt, da sie erhebliche Abweichungen vom maschinellen Ergebnis zeige, sagte Kommissionsmitglied Carol Roberts. Demnach kam Gore auf 33 zusätzliche Stimmen, sein republikanischer Konkurrent George W. Bush auf 14. Hochgerechnet auf den gesamten Wahlbezirk könnte dies einen Vorsprung von rund 1900 Voten für Gore und damit die Präsidentschaft bedeuten. Die Republikaner hatten zuvor eine einstweilige Verfügung eingereicht, um die manuelle Auszählung zu verhindern. In Miami tauchten unterdessen erneut Urnen mit noch nicht ausgezählten Stimmen auf.

Zwei der drei Kommissionsmitglieder von Palm Beach sprachen sich für die manuelle Registrierung aller 431 000 Stimmen aus, nachdem am Samstag in vier Wahllokalen insgesamt 4300 Stimmzettel per Hand überprüft wurden. Bei der auch am Sonntag fortgesetzten Zählung kämpften Beobachter der Republikaner mit denen der Demokraten nach Korrespondentenberichten teilweise um jeden Stimmzettel, in vielen Fällen drohten sie sich gegenseitig juristische Konsequenzen an. Die Kommission wollte am Montagmorgen erneut zusammenkommen, um die Handauszählung zu organisieren.

Wer die 25 Wahlmänner von Florida für sich verbuchen kann, wird neuer US-Präsident. Bei der maschinellen Auszählung der knapp sechs Millionen Stimmen Floridas hatte Bush bisher nach US-Medienberichten mit 327 Stimmen vor Gore gelegen. Im Bezirk Palm Beach waren ursprünglich 19 000 Stimmen wegen Doppelmarkierung annulliert worden. Die Demokraten führen dies auf einen missverständlich gestalteten Stimmzettel zurück.

Ebenfalls am Montag sollte ein Richter in Miami die einstweilige Verfügung der Republikaner untersuchen. Sie fordern die Einstellung der manuellen Auszählung mit der Begründung, sie sei wesentlich anfälliger für Manipulation und menschliche Irrtümer als die maschinelle Registratur. Die Demokraten forderten die Republikaner auf, ihre Verfügung zurückzuziehen. "Falls George W. Bush glaubt, er habe in Florida wirklich gewonnen, hat er keinen Grund, die Handauszählung zu fürchten", sagte der frühere US-Außenminister Warren Christopher, der für Gore die Auszählung in Florida überwacht, am Samstag. Bush Wahlbeobachter, Ex-Außenminister James Baker, hatte zuvor die Demokraten aufgefordert, ihre Niederlage einzugestehen.

Nach Angaben der Polizei wurden unterdessen erneut Urnen mit noch nicht ausgezählten Stimmen entdeckt. Eine sei am späten Freitagabend im Sheridan Hotel in Miami, die andere am Samstag in einer Baptistenkirche in Miami gefunden worden, hieß es. Die Polizei versiegelte die Urnen.

Im ebenfalls noch unentschiedenen Bundesstaat Oregon mit sieben Wahlmännern ergab die Auszählung laut den US-Sendern CNN und CBS inzwischen einen knappen Vorsprung von 5183 Stimmen für Gore, während der Sender MSNBC sich nicht festlegen wollte. Noch immer ungewiss war der Wahlausgang auch im Bundesstaat New Mexico mit fünf Wahlmännern, wo Bush am Samstag mit wenigen Stimmen knapp vor Gore lag. Nach republikanischen Angaben betrug sein Vorsprung 17 Stimmen, nach Zählung der Demokraten nur vier Stimmen.

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