Politik : USA: Alarm am Golf

Malte Lehming

Konkrete Drohungen gibt es nicht. Die Vorsichtsmaßnahmen sind trotzdem berechtigt. Amerikaner im Ausland wurden vom US-Außenministerium aufgefordert, in den nächsten Tagen besonders umsichtig zu sein. Für die US-Streitkräfte in den Golfstaaten Bahrein, Kuwait und Katar gilt höchste Alarmbereitschaft. Die Polizeikräfte von New York wurden verstärkt, die Sicherheitsstufe rund um das Gerichtsgebäude im Süden Manhattans wurde erneut erhöht.

Dort nämlich tagt seit Mittwoch ein Geschworenen-Gericht, um über das Strafmaß für vier arabische Terroristen zu beraten. Einen Tag zuvor waren sie in allen 302 Anklagepunkten für schuldig befunden worden, entweder direkt oder indirekt für die Bombenanschläge auf die US-Botschaften in Kenia und Tansania verantwortlich gewesen zu sein. Dabei wurden vor fast drei Jahren 224 Menschen getötet. Für zwei der Terroristen fordert die Chefanklägerin Mary Jo White die Todesstrafe. Die beiden anderen müssen mit lebenslanger Haft rechnen. Alle vier sollen der geheimen moslemisch-fundamentalistischen Terrororganisation "Al Queida" angehören, die von Afghanistan aus durch Osama bin Laden gesteuert wird.

Dessen Aktivitäten werden deshalb genau beobachtet. Jedes Jahr gibt die US-Regierung mehrere hundert Millionen Dollar aus, um Bin Laden zu überwachen. Rund um die Uhr wird ein Netzwerk an Informanten beschäftigt, die sich modernster Satellitentechniken bedienen. "Wir kennen den Kerl inzwischen besser, als ihn seine vier Frauen kennen", sagt ein Terrorismus-Experte aus dem Verteidigungsministerium. Mehrfach wurden bereits Geheimkommandos vom Pentagon und der CIA aufgestellt, um Bin Laden gefangen zu nehmen. Doch bislang wurden alle Operationen wieder abgesagt, einige in letzter Minute. Das Risiko eines Fehlschlags erschien den Verantwortlichen zu groß.

Denn der 42-jährige Multimillionär aus Saudi-Arabien schützt sich ungefähr genauso gut wie der amerikanische Präsident. Die Benutzung von abhörgefährdeten Satellitentelefonen hat er eingestellt, regelmäßig wechselt er seine Pläne und Fahrtrouten. Außerdem wird er schwer bewacht. Ein amerikanischer Luftangriff aus dem Jahre 1998 traf zwar sein Camp, doch Bin Laden selbst war zwei Stunden zuvor abgereist.

Bei dem Prozess in New York allerdings wurde das Image seiner angeblich so effizienten und perfekt strukturierten Organisation auch korrigiert. Mehrere Zeugen traten auf, die ihrem Chef aus Geldgründen die Gefolgschaft verweigert hatten. Es gab Rivalitäten und Betrug. Der ägyptische Teil spaltete sich ganz ab, weil sich Bin Laden geweigert hatte, die Inhaftierung von Scheich Omar Abdel Rahman zu rächen, der 1993 in den USA schuldig gesprochen worden war, an einer Konspiration beteiligt gewesen zu sein - mit dem Ziel, das Gebäude der Vereinten Nationen in die Luft zu sprengen.

"Offenbar handelt es sich um eine lose Vereinigung von Menschen, die zwar dieselbe Ideologie haben, aber recht unterschiedliche Ziele verfolgen", sagt ein ehemaliger Mitarbeiter der Abteilung für Terrorismus-Bekämpfung im Außenministerium. Keiner freilich bestreitet, dass Bin Laden immer noch genügend Anhänger hat, die bereit sind, bei einem Attentat ihr Leben zu opfern.

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