USA-Blog : Klick in Berlin

Was wissen die Deutschen über Amerika? Viel zu wenig, sagt der Wahlberliner Scot Stevenson. Das will er mit seinem Blog ändern.

Sebastian Leber
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Sendungsbewusst: Scot Stevenson arbeitet unterwegs an neuen Texten.Foto: Doris Spiekermann-Klaas

Der nächste US-Präsident könnte ein Schwarzer werden. Klar. Aber wer weiß schon, dass theoretisch auch eine Schwarze Präsidentin werden könnte? Eben. Die Deutschen kennen Amerika viel weniger, als sie glauben, sagt Scot Stevenson. Zumindest diejenigen, die noch nie auf seiner Internetseite waren.

Stevenson, 40, ist selbst Amerikaner. Doch weil er die meiste Zeit seines Lebens in Deutschland verbracht hat, spricht der Wahlberliner nicht nur akzentfrei Deutsch, sondern hat auch ein ziemlich genaues Bild davon, wie man hier über seine Heimat denkt. Und dass viele Europäer seine Landsleute für seltsam halten. Deshalb startete Stevenson vor zwei Jahren die Internetseite „USA erklärt“, auf der er die gröbsten Missverständnisse und Wissenslücken beseitigen will.

Warum essen die Amerikaner so langsam?

Bis zu 4000 Deutsche klicken inzwischen täglich auf seine Seite. Und lernen, dass Thanksgiving nicht das Erntedankfest ist, dass ein nettes „Besuch mich mal“ in den USA genau das Gegenteil meint; warum Amerikaner langsamer essen als Deutsche und dass American Football wie der europäische Fußball früher ohne Helm gespielt wurde. Bis es in einer einzigen Saison 20 Tote gab. Auch über die US-Wahl hat Stevenson mehrere Texte verfasst, etwa darüber, wie der Wahlbogen aussieht. Auf dem stehen nämlich nicht zwei Kandidaten, sondern gleich sechs. Und eine davon, weiß Stevenson, ist eben die dunkelhäutige Kandidatin der Grünen, Cynthia McKinney.

Seine Beiträge schreibt Stevenson in der Bahn. Er ist Redakteur bei der Nachrichtenagentur Reuters, lebt mit seiner deutschen Frau – er nennt sie „die schönste Germanin“ – und zwei Kindern am Stadtrand. Deshalb muss er jeden Tag 35 Minuten mit der S2 zur Friedrichstraße fahren. Und 35 zurück. „Genug Zeit, um an neuen Texten zu arbeiten.“

Er dachte, in Deutschland leben viele Ritter

Seine ersten Lebensjahre hat Stevenson in New Mexico verbracht, im Südwesten der USA. Mit sechs zog er nach Deutschland, sein Vater bekam einen Job als Sprachwissenschaftler an der Uni Essen. Bei seiner Ankunft war Scot überrascht, keine Menschen in Ritterkostümen zu sehen. Das hatte ihm seine Mutter versprochen. Die Eltern sind nach 30 Jahren zurückgegangen, er selbst blieb.
Stevensons Geschichten sind unterhaltsam geschrieben, aber auch lehrreich. Wer als Deutscher auf der Seite stöbert, wundert sich ständig. Etwa über die Sache mit dem Kyoto-Protokoll. Die USA haben sich bekanntlich geweigert, dem weltweiten Klimaschutz-Abkommen zuzustimmen. Und die allermeisten Deutschen geben dafür George W. Bush die Schuld, sagt Stevenson. In Wahrheit wurde das Protokoll bereits 1997 vom amerikanischen Senat abgelehnt – und zwar einstimmig, von Republikanern wie Demokraten. Das war vier Jahre, bevor Bush ins Weiße Haus einzog.

Wen er selbst wählt, bleibt geheim

Es geht Stevenson nicht um Parteipolitik. Er verrät auch nicht, ob er selbst diesmal für Obama oder McCain gestimmt hat. „Ich mache ja keinen Meinungsblog“, sagt er. „Ich will bloß über Fakten aufklären.“ Vor allem möchte er sich nicht über die Deutschen lustig machen. „Für jedes Missverständnis gibt es eine Erklärung, wie es dazu kam“, sagt er. Das fängt schon beim Händedruck an: Der Amerikaner bleibt dabei senkrecht stehen, der Deutsche macht einen kleinen Knicks. Der ist so minimal, dass es ihm selbst gar nicht auffällt, sagt Scot Stevenson. Aber wehe, er gibt einem Amerikaner die Hand. „Dann wirkt der ganz schnell hochnäsig.“

Ein Vorurteil der Deutschen nervt ihn besonders: dass Amerikaner angeblich oberflächlich seien. Auch das habe viele Gründe, etwa die schlechte Synchronisierung von US-Filmen, bei denen Wortspiele gestrichen und Dialoge vereinfacht werden. „Ganz schlimm ist Star Trek. Das ist in Wirklichkeit eine ernsthafte Serie. Im Deutschen haben sie den Schiffsarzt einfach ’Pille’ genannt.“ Und was ist mit den angeblich miesen Geographie-Kenntnissen der Amerikaner? „Gegenfrage: Wie heißt die Hauptstadt von Ohio?“ Der Bundesstaat hat fast zwölf Millionen Einwohner – doppelt so viele wie Dänemark.

Die Seite im Internet: www.usaerklaert.wordpress.com

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