USA : Erster Muslim im Kongress?

Sein Wahlkampf gleicht einem Balanceakt. Er kämpft für demokratische Kernthemen, die Religion stellt er meist in den Hintergrund. Doch Keith Ellison hat gute Chancen, als erster Muslim in den Kongress einzuziehen.

Minneapolis - Keith Ellison schreibt auf seiner Homepage ausführlich über seine Frau und seine vier Kinder. Der 43-jährige Kandidat für die US-Kongresswahlen im November referiert zudem über Frieden und soziale Gerechtigkeit. Eines aber versteckt der Demokrat aus dem US-Bundesstaat Minnesota weit unten im Text - dass er Muslim ist. Und dass er gute Chancen hat, als erster Muslim in den US-Kongress einzuziehen, erwähnt er gar nicht. Im Wahlkampf scheint sein Glaube seit dem 11. September 2001 ein Handicap. Trotzdem hofft er, zu einem Botschafter seiner Religion werden zu können. "Ich glaube, es ist Zeit für die USA, ein Gesicht des Islam zu sehen, das wie das Gesicht von jedem anderen aussieht", sagte er der Kongress-Zeitung "The Hill".

Der schwarze Politiker mit dem kurzgeschorenen Haar und der Brille sitzt bereits im Parlament des Bundesstaats Minnesota. Ellison scheut sich nicht davor, den sofortigen Truppenabzug der USA aus dem Irak zu fordern. Sowohl Iraker als auch Amerikaner wollten keine US-Soldaten mehr in dem Land sehen, sagt er. Und der Krieg koste zuviel. Er greift damit eine weit verbreitete Stimmung in den USA auf: Der Verdruss über den blutigen Einsatz ist groß, eine Mehrheit der US-Wähler hält ihn inzwischen für falsch. Ellison bemüht sich, bei diesem heiklen Thema ideologische oder religiöse Debatten zu vermeiden. Den Einmarsch der USA in Afghanistan heißt er ausdrücklich gut: "Es gab gute Informationen, dass die Planer des 11. September sich dort aufhielten."

Wahlkampf im Ramadan

Der in der Autostadt Detroit in Michigan geborene Jurist trat im Alter von 19 Jahren vom Christentum zum Islam über. Leicht sei die Konversion ihm gefallen, sagt er. Er habe bemerkt, dass die beiden Religionen durch viele Werte verbunden seien. Im eben zuende gegangenen islamischen Monat Ramadan hielt er sich an das vorgeschriebene Fasten - mitten im Wahlkampfstress. Ellison versucht, seinen Glauben nicht in den Vordergrund zu stellen, wenn er händeschüttelnd in seinem Arbeiterwahlkreis in Friseursalons und Cafés um Stimmen wirbt. Es sind die Medien, sagt er, die seine Religion zu einem großen Thema machen. Seine Chancen auf einen Einzug ins Repräsentantenhaus stehen gut: Der Wahlkreis gilt als sicher, er ist seit mehr als 40 Jahren in den Händen der Demokratischen Partei.

Seine politischen Gegner versuchen, die Religion des Kandidaten für sich zu nutzen. Der republikanische Konkurrent Alan Fine warf Ellison vor, einer "Hassgruppe" beigetreten zu sein. Ellison unterhielt bis in die 90er Jahre Verbindungen zur umstrittenen Schwarzen-Organisation Nation of Islam, der immer wieder Antisemitismus vorgeworfen wird. Ellison nannte die Vorwürfe "Wahlkampfgetöse" und distanzierte sich ausdrücklich von der Gruppe. Auf seiner Homepage ließ er kürzlich allen Juden seine besten Wünsche zum jüdischen Neujahrsfest zukommen.

Eine besondere Rolle

So vollführt Ellison stets einen Balanceakt. Meist kämpft er für demokratische Kernthemen wie Abtreibung und Einwanderung, in denen seine Religion nicht als entscheidend wahrgenommen wird. Doch dann kommen wieder Momente, in denen ihm klar wird, dass er als erster muslimischer Kongressabgeordneter eine besondere Rolle spielen würde - wie am fünften Jahrestag der Anschläge des 11. September. Damals nahm er an einem Gedenkgottesdienst teil und ging durch die Namen der tausenden Toten der Attentate. Dann kann Ellison kaum anders, er muss als Muslim sprechen. "Viele Opfer waren Muslime", sagte er. "Es ist nicht so, dass die muslimische Gemeinde immun war gegen die Tragödie. Wir haben gelitten." (Von Joy Powell, AFP)

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