Politik : USA jagen Al Qaida in Somalia

Furcht vor einem Guerillakrieg – und vor der Rückkehr der Kriegsherren

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Am Montagnachmittag haben die USA zum ersten Mal seit dem Abzug ihrer Truppen 1994 auch militärisch in den Konflikt in Somalia eingegriffen. Der Berater der International Crisis Group, Matt Bryden, nennt dies „unerwartet aber nicht überraschend“. Schließlich wüsste der amerikanische Geheimdienst, dass sich drei Al-Qaida-Attentäter, die an den Bombenanschlägen auf die US-Botschaften in Nairobi und Daressallam beteiligt gewesen sein sollen, seit 2002 in Somalia aufgehalten hätten. Bei den Anschlägen 1998 waren mehr als 250 Menschen getötet und tausende verletzt worden.

Der Fernsehsender CNN meldete am Dienstag, Fasul Abdullah Mohammed von den Komoren sei bei einem der Angriffe getötet worden. Die USA vermuten zudem den Kenianer Saleh Ali Sahleh Nabhan und Abu Taha al Sudani aus dem Sudan in Somalia. Ob das Eingreifen der USA die Lage destabilisiert oder nicht, hängt für Matt Bryden vor allem davon ab, ob bei den Bombardements überwiegend Kämpfer der Union islamischer Gerichte (UIC) und Zivilisten getroffen worden seien, oder ob es sich bei den Toten tatsächlich um die gesuchten Al-Qaida-Köpfe handle. Dann würden die Angriffe zwar auch nicht akzeptiert aber zumindest als gerechtfertigt gesehen, meint er. Augenzeugen berichteten am Montag von mindestens 19 zivilen Opfern.

In der vergangenen Woche hatten die islamistischen Kämpfer ihre letzte Hochburg, die somalische Küstenstadt Kismaju, kampflos verlassen. Einige der Islamisten scheinen nach Ras Kamboni, eine dicht bewaldete Halbinsel zwischen Kenia und Somalia, geflüchtet zu sein, andere in die fast unzugänglichen Mangrovenwälder am Fluss Juba, nördlich von Kismaju. Kenia hat seine Grenzpatrouillen zu Somalia verstärkt und die Grenze auch für Flüchtlinge geschlossen. Zwar haben die Kenianer einige Islamisten festgenommen, doch bleibt das Grenzgebiet zu Somalia löchrig und schwer kontrollierbar. Die gemeinsame Landgrenze ist mehr als 600 Kilometer lang.

Dennoch hat sich die Lage in Somalia von Grund auf verändert. Binnen weniger Tage hat die schwache aber international anerkannte Übergangsregierung mit massiver Hilfe des Nachbarn Äthiopien einen unerwartet schnellen Sieg errungen. Immer deutlicher wird, dass die islamistischen Rebellen ihre Stärke vollkommen überschätzt haben, nachdem sie ein halbes Jahr lang einen Großteil Somalias unter ihrer Kontrolle hatten. Statt wie von moderaten Kräften der islamischen Gerichte angemahnt, eine Verhandlungslösung zu suchen, haben sich die Hardliner in der UIC durchgesetzt.

Richard Cornwall vom Institute for Security Studies in Südafrika ist der Ansicht, dass Somalias Übergangsregierung alles daransetzen wird, die flüchtenden islamistischen Kämpfer festzunehmen oder zu töten. Trotz des raschen Zusammenbruchs der Islamisten befürchten westliche Diplomaten nun einen langwierigen Guerillakrieg. In der vergangenen Woche war der Aufruf der Nummer zwei bei Al Qaida, Aiman al Sawahiri, veröffentlicht worden, der zum Heiligen Krieg in Somalia aufgefordert hatte. Die Afrikanische Union (AU) befürchtet eine Ausweitung des Konflikts auf die Nachbarländer. Dass dies nicht unmöglich ist, haben die Bombenanschläge in Mogadischu auf äthiopische Soldaten gezeigt.

Die größte Gefahr besteht neben einem Guerillakrieg in einer Rückkehr der von den Islamisten aus Mogadischu vertriebenen Kriegsherren. Eine große Zahl der Warlords gehört der Übergangsregierung an. Augenzeugen berichteten schon in der vergangenen Woche von Straßensperren in Mogadischu, an denen die Warlords die Bürger wieder mit Wegezöllen ausplündern. Matt Bryden hält es für entscheidend, dass die Übergangsregierung, „die zweieinhalb Jahre lang vollkommen ineffektiv war“, schnell mindestens drei Viertel ihrer 47 Minister rauswirft, dafür aber starke Persönlichkeiten der bisher unterrepräsentierten Clans aufnimmt und eine „Regierung der nationalen Einheit“ bildet. Nur dann habe eine internationale oder afrikanische Friedenstruppe die Chance, „zur Stabilisierung beizutragen“.

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