USA : Rassismusvorwürfe: In zwei Tagen durch die Hölle

Eine schwarze Abteilungsleiterin im US-Agrarministerium wurde erst wegen falscher Rassismusvorwürfe gefeuert, dann befördert.

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Agrarminister Vilsack (Mitte) in Erklärungsnot.
Agrarminister Vilsack (Mitte) in Erklärungsnot.Foto: AFP

Bis Montag war Shirley Sherrod Abteilungsleiterin im US-Agrarministerium, zuständig für die ländliche Entwicklung im Staat Georgia. Dann wurde sie fristlos gekündigt – weil die 62-jährige Afroamerikanerin angeblich weiße Farmer diskriminiere. Zwei Tage später hat sich Barack Obamas Sprecher Robert Gibbs im Namen der gesamten Regierung bei ihr entschuldigt. Sherrod sei mit der Kündigung bitteres Unrecht angetan worden. Agrarminister Tom Vilsack bietet ihr nun eine ganz besondere neue Anstellung an: als Beauftragte für die Überwindung der Rassenspannungen in seinem Ministerium. „Diese Frau ist ein guter Mensch. Sie wurde durch die Hölle geschickt.“ Er habe übereilt geurteilt, als er sie feuerte.

In Washington gilt der Fall als Lehrstück, welch explosive Rolle Rassenfragen wieder spielen, seit ein Schwarzer Präsident ist. Und wie angebliche Verfehlungen auf diesem sensiblen Feld im Wahljahr als Waffe missbraucht werden. In diesem Fall hatten rechte Medien ein manipuliertes Video von einem Redeauftritt Sherrods benutzt, um ihr Vorurteile gegen Weiße zu unterstellen und die Obama-Regierung anzuklagen, sie reagiere auf diese Art des Rassismus nicht. Zuvor hatte die Organisation NAACP (National Association for the Advancement of Colored People), die politisch den Demokraten nahesteht, der konservativen Tea Party Rassismus gegen Afroamerikaner und speziell Obama vorgeworfen.

Im März hatte Sherrod bei der NAACP gesprochen. Sie schilderte ihre Lebensgeschichte, um zu zeigen, wie tief verwurzelt der Rassismus in den USA sei, vor allem in den Südstaaten. Und wie lange sie selbst gebraucht hatte, um die Bitterkeit zu überwinden und zu begreifen, dass die Armut und nicht Rassenfragen Hauptursache der Konflikte seien. „Baumwolle pflücken, Gurken ernten, Erdnüsse schütteln“, beschrieb sie ihre Kindheit auf einer armen Farm. „Bei all der Diskriminierung wollte ich nur noch weg. Ich wünschte mir nichts sehnlicher als eine Ausbildung.“ Sie blieb und schloss sich 1965 dem gewaltfreien Kampf um die Stimmrechte Schwarzer an. Kurz zuvor war ihr Vater, ein regionaler Anführer im Südwesten Georgias, von Weißen erschossen worden; zum Prozess kam es nie.

Shirley Sherrod heiratete einen schwarzen Pfarrer, der in der Emanzipationsbewegung aktiv war. Mit anderen Afroamerikanern gründeten sie eine Agrarkooperative. 15 Jahre lang war dies der größte Landwirtschaftsbetrieb im Eigentum von Schwarzen in den USA. Er ging aber schließlich bankrott. Als Hauptursache geben US-Medien an, dass das Agrarministerium der Kooperative damals Kredite verweigerte. Wiederum 14 Jahre später entschädigte die US-Regierung die Kooperative mit 13 Millionen Dollar; die Sherrods erhielten 330 000 Dollar.

Inzwischen arbeitete Shirley Sherrod für eine private Organisation, die schwarzen Farmern half. Dorthin wandte sich eines Tags das weiße Farmerehepaar Roger und Eloise Spooner, die von Bankrott bedroht waren und keinen Kredit bekamen.

Auf der NAACP-Veranstaltung schilderte Sherrod, wie sie zunächst gezögert habe, ob sie Weißen helfen solle. Diesen Ausschnitt benutzten jetzt konservative Medien für ihren Vorwurf, ohne den Kontext zu beschreiben. Andrew Breitbart brachte den Skandal ins Rollen, ein bekannter rechter Aktivist mit einer eigenen Webseite und Radioshow. Er sagt, man habe ihm das Video mit dem Ausschnitt zugespielt; er habe nicht gewusst, dass der Inhalt manipuliert war. Er habe sich über den Rassismusvorwurf gegen die Tea Party geärgert und zeigen wollen, dass es auch umgekehrten schwarzen Rassismus gegen Weiße gebe. Im Fernsehsender Fox griffen Sean Hannity und Bill O’Reilly das Video auf. Sie nutzen ihre täglichen Talkshows kontinuierlich für Kampagnen gegen die Regierung Obama, oft mit rassistischen Untertönen.

Dann trat das weiße Farmerpaar Spooner bei CNN auf, beide heute über 80 Jahre alt, und beteuerte, Sherrod habe sie damals gerettet. „Ohne sie hätten wir alles verloren.“ Er sei „nie besser behandelt worden“ als von ihr.

Shirley Sherrod ist rehabilitiert. Sie gilt jetzt als Heldin. Kritik und Spott der Medien richten sich vor allem gegen Agrarminister Vilsack. Es ist noch immer nicht bekannt, wer das Video manipuliert hat und wer davon wusste. Auch von Konsequenzen in den Redaktionen Breitbarts und des Senders Fox wegen der journalistischen Fehler ist bisher keine Rede.

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