Politik : USA streiten mit Rußland über Kosovo: Eine Zone für Moskau, aber keinen Sektor

WASHINGTON/MOSKAU/PRIZREN (AFP/AP). Die USA schließen einen gleichberechtigten russischen Sektor im Kosovo aus. Außenministerin Albright sagte, es komme nicht in Frage, Moskau in aller Form einen Militärsektor in der serbischen Provinz zuzuteilen. Die Russen könnten einen "Bereich haben, in dem sie arbeiten"; die einheitliche Kommandostruktur dürfe aber nicht behindert werden. Unterdessen überquerten Bundeswehrpanzer am Sonntag von Albanien aus die Grenze zum Kosovo. Der Konvoi soll nach Prizren fahren, wo das deutsche Kontingent der KFOR-Friedenstruppe sein Hauptquartier aufschlagen will. Tausende Kosovo-Serben begaben sich unterdessen aus Angst vor der Kosovo-Untergrundbewegung UCK auf die Flucht. Auf der Straße von Pristina nach Mazedonien war ein langer Treck serbischer Zivilisten unterwegs. Die Menschen erzählten, daß UCK-Kämpfer in ihre Dörfer gekommen seien und das Feuer eröffnet hätten.

Bislang ist vorgesehen, im Kosovo fünf Militärsektoren zu bilden, die von den USA, Deutschland, Großbritannien, Frankreich und Italien kontrolliert werden. Der stellvertretende US-Außenminister Strobe Talbott hatte am Morgen in Moskau gesagt, die USA seien bereit, Rußland eine Zone im Kosovo zuzubilligen, in der die Verantwortung Moskaus "klar und sichtbar" sein werde.

Albright betonte, ein eigener russicher Sektor würde zu einer Teilung des Kosovo beitragen. US-Präsident Bill Clinton und Rußlands Präsident Boris Jelzin, die am Sonntag nachmittag bereits über die Lage im Kosovo am Telefon beraten hatten, wollen nach Angaben des Weißen Hauses am Montag erneut miteinander telefonieren. Das Gespräch am Sonntag sei "konstruktiv" gewesen, hieß es aus Washington.

Auch am Sonntag verhandelten der Befehlshaber der KFOR-Truppen, der britische General Jackson, und der russische Kommandeur Savarsin weiter. Beim ersten Treffen tags zuvor war über die gemeinsame Nutzung des Flughafens durch die Russen und die Nato gesprochen worden.

Die deutschen Soldaten sind nach den Worten von Bundesverteidigungsminister Scharping begeistert und überschwenglich in Prizren empfangen worden. Scharping sagte in Bonn, bis zum Abend würden in der Stadt bis zu 1000 Bundeswehrsoldaten erwartet, und die Zahl solle sich bis Montag abend verdoppeln. Spätestens am Dienstag solle dann begonnen werden, in den gesamten Raum vorzurücken, in dem die Deutschen die Voraussetzungen für eine sichere Rückkehr der Flüchtlinge schaffen sollen. Die Soldaten berichteten aus Prizren, sie spürten die "tiefe Erleichterung" der Menschen, die aus lebensbedrohender Gefahr entronnen seien. Der Aufmarsch ginge auch deshalb langsam voran, weil die Menschen auf der Straße den Bundeswehrangehörigen die Hand schütteln wollten.

Weitere Verzögerungen habe es gegeben, weil in einem Tunnel eine Sprengladung entdeckt worden sei. Außerdem hätten serbische Truppen in der Ortschaft Jure den Bundeswehrkonvoi behindert. Nach einem heftigen Wortgefecht hätten die Serben den Weg freigemacht. Grundsätzlich verläuft die Zusammenarbeit mit den serbischen Kräften im Kosovo laut Scharping professionell, reibungslos und offen. Allerdings gebe es Hinweise darauf, daß sich das abziehende Militär gegenüber der albanischen Bevölkerung "nach wie vor gewalttätig und zerstörerisch" verhalte. Noch immer stünden Häuser in Flammen.

Zudem versuchen die serbischen Soldaten offensichtlich, auf ihrem Rückzug Beweise für Kriegsverbrechen zu vernichten. Nach Erkenntnissen der Luftaufklärung würden Massengräber unkenntlich gemacht, indem sie planiert würden, so Scharping.

Tausende serbische Flüchtlinge verließen am Sonntag aus Angst vor UCK-Angriffen das Kosovo. Ganze Dörfer hätten sich aufgemacht, ohne ein genaues Ziel zu haben, berichteten die Flüchtlinge. Sie seien von Kosovo-Albanern beschimpft, bespuckt und vereinzelt mit Steinen beworfen worden.

Britische Soldaten erschossen am Nachmittag einen jugoslawischen Reservepolizisten. Das teilte ein britischer Fallschirmjäger in Pristina mit. Es handelte sich um den ersten blutigen Zwischenfall seit dem Einrücken der KFOR-Verbände in die südserbische Provinz. "Er hatte eine Pistole in der Hand. Er hat auf unsere Männer geschossen. Wir haben das Feuer erwidert, er ist tot", sagte der britische Fallschirmjäger in Pristina. Ein weiterer Fallschirmjäger sagte unter Berufung auf die serbische Polizei, bei dem Mann habe es sich um einen Kosovo-Albaner gehandelt.

Die serbische Regierung schloß am Sonntag den unabhängigen Fernsehsender in Mladenovac, 40 Kilometer südlich von Belgrad. "Der Kriegszustand wird für den Kampf gegen die unabhängigen Medien verlängert", teilte der Sender kurz vor Sendeschluß mit.

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